SOKA INTERNATIONAL ARTIST NETWORK
The IV.
"La Vie En Vieille Europe"
Issue # 7-2005

In This Issue...Rapport zur Konstruktion von Situationen (zur Aktualität der Situationistische Internationale im zeitgeistlichen Kontext)


Asger Jorn - Das Ende der Ökonomie und die Verwirklichung der Kunst
Guy-Ernst Debord und Gil J. Wolman - Gebrauchsanweisung für die Zweckentfremdung
Situationistische Internationale - Der Lärm und die Wut
Raoul Vaneigem - Basisbanalitäten
William Brown - The forty-one curses, crises and conspiracies of everyday life (english)
Nerfenruh!Keine Experimente!- Flugblatt der Situationistischen Internationale München 1958
The IV.(Agenda)

 

Asger Jorn
Das Ende der Ökonomie und die Verwirklichung der Kunst


Die Zeit ist für den Menschen nichts anderes als eine Folge von Phänomenen an einem Beobachtungspunkt des Raums, während der Raum die Ordnung der Koexistenz der Phänomene in der Zeit oder der Prozeß ist.
Die Zeit ist die Veränderung, die nur als eine in den Raum fortschreitende Bewegung vorstellbar ist, während der Raum das Beständige ist, das nur in der Teilhabe an einer Bewegung vorstellbar ist. Weder der Raum noch die Zeit haben eine Realität oder einen Wen außerhalb der Veränderung oder des Prozesses, d.h. außerhalb der aktiven Raum-Zeit-Verbindung. Die Aktion von Raum und Zeit ist der Prozeß, und dieser Prozeß selbst ist die Veränderung von Zeit in Raum und die Veränderung von Raum in Zeit.
Wir sehen also, daß die Zunahme an Qualität oder der Widerstand gegen die Veränderung ihre Ursache in der quantitativen Zunahme haben. Sie gehen zusammen. Diese Entwicklung ist das Ziel des sozialistischen Fortschritts: die Zunahme der Qualität durch die der Quantität. Und er gibt zu, daß diese doppelte Zunahme zwingend identisch ist mit der Verminderung des Werts, der Raum-Zeit. Dies ist die Verdinglichung.
Die Größe, die den Wert bestimmt, ist die Raum-Zeit, der Augenblick oder das Ereignis. Die Raum-Zeit, die der Existenz der menschlichen Gattung auf der Erde vorbehalten ist, manifestiert ihren Wert in den Ereignissen. Keine Ereignisse, keine Geschichte. Die Raum-Zeit eines menschlichen Lebens ist sein Privateigentum. Das ist die große Entdeckung von Marx in der Perspektive der menschlichen Befreiung, zu gleicher Zeit aber auch der Ausgangspunkt aller Irrtümer der Marxisten, weil das Eigentum nur dadurch zum Wert wird, indem es sich verwirklicht, sich befreit, benutzt wird, und weil die Raum-Zeit eines menschlichen Lebens nur durch ihre Veränderbarkeit zur Wirklichkeit wird. Das, was aus einem Individuum einen sozialen Wert macht, ist die Veränderbarkeit seines Verhaltens gegenüber den anderen. Wenn diese Veränderbarkeit privat wird, von der sozialen Aufwertung ausgeschlossen, wie im autoritären Sozialismus, dann ist die Raum-Zeit des Menschen nicht zu verwirklichen. So hat der private Charakter der menschlichen Eigenschaften (die ,Hobbies') zu einer noch größeren Entwertung des menschlichen Lebens geführt als das Privateigentum an Produktionsmitteln, da das Unnütze im sozialistischen Determinismus nicht existiert. Anstatt den privaten Charakter des Eigentums abzuschaffen, hat der Sozialismus ihn nur bis zum Äußersten verstärkt, er hat den Menschen selbst unnütz und sozial bedeutungslos gemacht.
Das Ziel der künstlerischen Entwicklung ist die Befreiung der menschlichen Werte durch die Transformation der menschlichen Eigenschaften in wirkliche Werte. Und genau hier beginnt die künstlerische Revolution gegen die sozialistische Entwicklung, die künstlerische Revolution, die dem kommunistischen Projekt verpflichtet ist...
Der Wert der Kunst ist also, verglichen mit den praktischen Werten, ein Gegenwert und mißt sich im umgekehrten Sinn wie diese. Die Kunst ist die Einladung zu einem Energieaufwand ohne genaues Ziel außer dem, das der Betrachter selbst hier beibringen kann. Das ist die Verschwendung ... Man hat sich dagegen vorgestellt, daß der Wert der Kunst in ihrer Dauer, ihrer Qualität bestünde. Und man hat geglaubt, daß das Gold und die Edelsteine künstlerische Werte seien, daß der künstlerische Wert eine dem Objekt an sich innewohnende Qualität sei. Das Kunstwerk ist jedoch nichts anderes als die Bestätigung des Menschen als der wesentlichen Quelle des Wertes ...
Die kapitalistische Revolution ist im wesentlichen eine Vergesellschaftung der Konsumtion gewesen. Die kapitalistische Industrialisierung bringt der Menschheit eine ebenso tiefe Vergesellschaftung wie die von den Sozialisten vorgeschlagene - die Vergesellschaftung der Produktionsmittel. Die sozialistische Revolution ist die Vollendung der kapitalistischen Revolution. Das einzige Element, was dem kapitalistischen System genommen werden muß, ist das Sparen, denn der Reichtum der Konsumtion ist schon durch die Kapitalisten selbst beseitigt worden. Heute einen Kapitalisten zu finden, dessen Konsumtion die dürftigsten Notwendigkeiten überschreitet, wird schwer sein. Der Unterschied in der Lebensführung zwischen einem Grandseigneur des 17. Jahrhunderts und einem Großkapitalisten der Rockefeller-Epoche ist grotesk und vertieft sich immer mehr.
Der Reichtum in der Veränderbarkeit des Konsums ist durch den Kapitalismus eingespart worden, weil die Ware nichts anderes ist als ein vergesellschafteter Gebrauchsgegenstand. Deshalb vermeiden es die Sozialisten, sich mit dem Gebrauchsgegenstand zu beschäftigen.
Die Vergesellschaftung des Gebrauchsgegenstandes, die es erlaubt, ihn als Ware zu betrachten, hat drei Hauptaspekte:
a) Nur der Gebrauchsgegenstand von allgemeinem Interesse, der von einer genügend großen Anzahl von Leuten gewünscht wird, kann als Ware dienen. Die ideale Ware ist der von allen begehrte Gegenstand. Um der industriellen Produktion den Zugang zu einer solchen Sozialisierung zu schaffen, mußte der Kapitalismus die Idee der individuellen und handwerklichen Produktion zerstören, sie als „Formalismus" anprangern.
b) Damit man von einer Ware sprechen kann, muß man eine Anzahl von genau gleichen Gegenständen haben. Die Industrie beschäftigt sich nur mit serienmäßig und in immer größeren Mengen hergestellten Gegenständen.
c) Die kapitalistische Produktion ist gekennzeichnet durch eine Propaganda für den Volkskonsum, deren Macht und Ausmaß unglaublich groß ist. Die Reklame für eine sozialistische Produktion ist nur die logische Konsequenz der Reklame für eine sozialisierte Konsumtion.
Das Geld ist die vollständig sozialisierte Ware, die den allgemeinen Wertmaßstab für jedermann angibt...
Die Vergesellschaftung bildet tatsächlich ein auf das absolute Sparen errichtetes System. Betrachten wir also den Gebrauchsgegenstand. Wir haben gezeigt, daß der Gebrauchsgegenstand in dem Augenblick eine Ware wird, wo er unmittelbar unnütz wird, wo der Kausalzusammenhang zwischen Konsumtion und Produktion unterbrochen ist. Nur der in Ersparnis verwandelte, eingelagerte Gebrauchsgegenstand wird Ware, und dies nur dann, wenn große Mengen von Gebrauchsgegenständen gelagert werden. Dieses Lagerungssystem, aus dem die Ware hervorgeht, wird im Sozialismus nicht abgeschafft, im Gegenteil: Das sozialistische System gründet sich auf die Einlagerung ausnahmslos aller Produkte vor ihrer Verteilung, um derart eine perfekte Kontrolle über diese zu erlangen.
Bis jetzt hat man niemals die Akkumulation - das Lagern oder Sparen - in ihrer eigentlichen Form analysiert, der des Behälters. Das Lagern findet gemäß dem Verhältnis zwischen Behälter und Inhalt statt. Wir haben zu Anfang festgestellt, daß die Substanz, häufig Inhalt genannt, nichts anderes ist als der Prozeß; als Inhalt ist sie eine eingelagerte Materie, eine latente Kraft. Wir haben sie aber immer ausgehend von der ihr eigentümlichen festen Form betrachtet. Die Form des Behälters ist eine Form, die der des Inhalts konträr gegenübersteht: Ihre Aufgabe ist es, den Inhalt daran zu hindern, daß er in den Prozeß eintritt, es sei denn unter kontrollierten und begrenzten Bedingungen. Die Behälterform ist also etwas ganz anderes als die Form der Materie an sich, wo es nur die Form des Inhalts gibt; hier steht einer der Begriffe in absolutem Widerspruch zum anderen. Nur auf dem Gebiet der Biologie wird der Behälter zu einer Elementarfunktion. Das gesamte biologische Leben hat sich sozusagen dadurch entwickelt, daß es die Be-hälterformen den Formen der Materie entgegengesetzt hat. Die technische Entwicklung folgt demselben Weg; auch jedes Meßsystem, jedes System wissenschaftlicher Kontrolle setzt objektive Formen zu Behälterformen in Beziehung.
Die Behälter-Formen werden als Gegensatz zu den gemessenen Formen festgesetzt. Die Behälterform verdeckt normalerweise die des Inhalts und besitzt insofern eine dritte Form:
die des Scheins. Diese drei Formen werden in den Diskussionen über die Form nie klar auseinander gehalten ...
Das Geld ist das Maß der Zeit im sozialen Raum ... Das Geld ist das Mittel, in einem gegebenen Raum, dem der Gesellschaft, dieselbe Geschwindigkeit zu erzwingen. Die Erfindung des Geldes ist die Grundlage des „wissenschaftlichen" Sozialismus, und die Zerstörung des Geldes wird die Grundlage der Überwindung des sozialistischen Mechanismus sein. Das Geld ist das in Zahlen verwandelte Kunstwerk; der verwirklichte Kommunismus wird das in die Totalität des alltäglichen Lebens verwandelte Kunstwerk sein ...
Die Bürokratie erscheint überall, wo sie sich äußert (im Kapitalismus, im Reformismus, in der sogenannten „kommunistischen" Macht), als die Verwirklichung der konterrevolutionären Vergesellschaftung, die den verschiedenen rivalisierenden Sektoren der heutigen Welt auf eine bestimmte Art gemeinsam ist. Die Bürokratie ist die Behälterform der Gesellschaft; sie blockiert den Prozeß, die Revolution. Im Namen der Kontrolle über die Ökonomie spart sie ohne Kontrolle (für ihre eigenen Ziele, für die Aufrechterhaltung des Bestehenden). Sie hat alle Macht, außer der, die Dinge zu verändern. Und jegliche Veränderung muß zuerst gegen sie durchgesetzt werden ...
Der wirkliche Kommunismus wird der Sprung in das Reich der Freiheit, der Werte, der Kommunikation sein. Der künstlerische Wert, das Gegenteil des nützlichen Werts (normalerweise materiell genannt), ist der fortschrittliche Wert, weil er die Aufwertung des Menschen selbst durch einen Prozeß der Provokation ist.
Die politische Ökonomie hat seit Marx ihre Unfähigkeiten und ihre Kehrtwendungen gezeigt. Die Aufgabe einer Hyperpolitik wird es sein, die direkte Verwirklichung des Menschen anzustreben.

Asger Jorn (Bruxelles 1960) <top>

Guy-Ernst Debord und Gil J. Wolman
Gebrauchsanweisung für die Zweckentfremdung

 
Alle ein wenig unterrichteten Köpfe unserer Zeit sind sich über diese offensichtliche Tatsache einig, daß es für die Kunst unmöglich geworden ist, sich selbst als eine höhere Tätigkeit zu behaupten, nicht einmal als eine Kompensation, die man ehrenhaft betreiben könnte. Die Ursache für dieses Absterben ist deutlich in dem Aufkommen von Produktivkräften zu finden, die andere Produktionsverhältnisse und eine neue Lebenspraxis erforderlich machen. In der Bürgerkriegsphase, in der wir uns jetzt befinden, und eng verbunden mit der Orientierung, die wir für bestimmte höhere Tätigkeiten in der Zukunft entdecken, können wir annehmen, daß alle bisher bekannten Ausdrucksmittel dabei sind, sich zu einer allgemeinen Bewegung der Propaganda zu vereinigen, die alle sich wechselseitig beeinflussenden Aspekte der gesellschaftlichen Wirklichkeit umfaßt.
Über die Formen und die Natur einer solchen erzieherischen Propaganda geraten die Meinungen aneinander, die zumeist unter dem Einfluß verschiedener, zur Zeit modischer politischer Formen des Reformismus stehen. Dazu erklären wir nur, daß auf dem kulturellen wie auch auf dem streng politischen Gebiet die Voraussetzungen für die Revolution für uns nicht nur reif sind, sondern schon begonnen haben zu verfaulen. Nicht nur ein Zurückgehen, auch das Verfolgen der "aktuellen" kulturellen Ziele müssen eine reaktionäre Wirkung haben, da sie tatsächlich von den ideologischen Entwicklungsformen einer veralteten Gesellschaft abhängen, die ihre Agonie bis zum heutigen Tag hinausgezögert hat. Nur die extremistische Erneuerung ist historisch gerechtfertigt.
Das literarische und künstlerische Erbe der Menschheit muß insgesamt für eine parteiliche Propaganda benutzt werden. Es kommt selbstverständlich darauf an, über jede Idee des Skandals hinauszugehen. Da die Negation der bürgerlichen Auffassung des Genies und der Kunst schon lange überholt ist, bietet der Schnurrbart der Mona Lisa keinen interessanteren Aspekt als die erste Version des Bildes. Jetzt muß dieser Prozeß bis zur Negation der Negation weitergeführt werden. Bertolt Brecht, der vor kurzem in einem Interview mit der Wochenzeitschrift France-Observateur erklärte, er streiche in den klassischen Theaterstücken bestimmte Stellen, um ihre Aufführung erzieherisch erfolgreicher zu machen, steht der von uns geforderten revolutionären Konsequenz viel näher als Duchamp. Wobei man allerdings darauf hinweisen muß, daß im Falle Brechts dieses nützliche Eingreifen in engen Grenzen gehalten wird aufgrund einer unberechtigten Ehrfurcht vor der Kultur, wie sie die herrschende Klasse definiert - dieselbe Ehrfurcht, die in den Volksschulen der Bourgeoisie und in den Zeitungen der Arbeiterparteien gelehrt wird, und die dazu führt, daß in den rotesten Gemeinden der Pariser Vororte für die Tourneen des T.N.P. immer wieder "Le Cid" statt "Mutter Courage" gefordert wird.
Um es deutlich zu sagen: Es muß mit jedem Begriff des persönlichen Eigentums auf diesem Gebiet Schluß gemacht werden. Das Auftauchen anderer Notwendigkeiten macht die früheren "genialen" Verwirklichungen hinfällig. Sie werden zu Hemmnissen und schrecklichen Gewohnheiten. Es geht nicht darum zu wissen, ob wir uns zu ihnen hingezogen fühlen oder nicht. Wir müssen uns darüber hinwegsetzen.
Alle Elemente, egal woher genommen, können Gegenstand neuer Zusammenhänge werden. Die Entdeckungen der modernen Poesie über die analoge Struktur des Bildes beweisen, daß sich immer wieder ein Zusammenhang zwischen zwei Elementen mit noch so unterschiedlicher Herkunft herstellen läßt. Dabei nur im Rahmen einer persönlichen Anordnung der Worte bleiben zu wollen, wäre nichts weiter als Konvention. Die Überlagerung zweier Gefühlswelten, die Gegenüberstellung zweier unabhängiger Ausdrucksformen gehen über ihre ursprünglichen Elemente hinaus, um eine synthetische Organisation mit höherer Wirksamkeit zu bilden. Alles kann benutzt werden.
Selbstverständlich kann man nicht nur ein Werk verbessern oder verschiedene Fragmente veralteter Werke in ein neues integrieren, sondern auch den Sinn dieser Fragmente verändern und in jeder für gut gehaltenen Weise das fälschen, was Schwachköpfe hartnäckig Zitate nennen wollen.
Solche Verfahren der Parodie sind oft benutzt worden, um komische Wirkungen zu erzielen. Aber das Komische inszeniert den Widerspruch zu einem gegebenen, als vorhanden gesetzten Zustand. Unter den jetzigen Umständen, wo uns die literarischen Verhältnisse fast so fremd erscheinen wie die Rentierzeit, bringt uns der Widerspruch nicht zum Lachen. Man muß also ein parodistisch-ernstes Stadium ins Auge fassen, in dem die Anhäufung zweckentfremdeter Elemente, weit davon entfernt, durch den Bezug auf ein Originalwerk Lachen oder Empörung zu provozieren, im Gegenteil unsere Gleichgültigkeit gegenüber einem sinnentleerten und vergessenen Original deutlich macht und sich darum bemüht, eine gewisse Erhabenheit auszudrücken.
Bekanntlich ist Lautréamont so weit auf diesem Weg vorangekommen, daß er noch heute von seinen lautesten Bewunderern teilweise nicht verstanden wird. Trotz des in den Poésies (vor allem auf der Basis der Moral Pascals und Vauvenargues) offensichtlichen, auf die theoretische Sprache angewandten Verfahrens - Lautréamont will die Argumentationen durch fortgesetzte Verdichtungen zur bloßen Maxime führen - staunte man vor drei oder vier Jahren über die Enthüllungen eines gewissen Viroux, die von da an verhinderten, daß auch die beschränktesten Geister in den Gesängen des Maldoror nicht die umfangreiche Entwendung von Buffon oder etwa von naturwissenschaftlichen Werken erkennen konnten. Daß die Figaro-Prosaisten wie dieser Viroux selbst das zum Anlaß nahmen, Lautreamont herabzusetzen, während andere es für ihre Pflicht hielten, ihn mit einem Lob auf seine Unverschämtheit zu verteidigen -beides läßt nur den senilen Schwachsinn der sich höflich bekämpfenden Lager erkennen. Eine Parole wie "Das Plagiat ist notwendig. Der Fortschritt schließt es mit ein" wird immer noch genauso schlecht verstanden - und aus denselben Gründen - wie der berühmte Satz über die Poesie, die "von allen gemacht werden muß".
Abgesehen von Lautréamonts Werk - das wegen seiner äußerst frühen Entstehungszeit immer noch zum großen Teil einer genauen Untersuchung entgeht - sind die Tendenzen der Zweckentfremdung, die das Studium der zeitgenössischen Ausdrucksformen sichtbar machen kann, unbewußt oder zufällig; und mehr als in der zu Ende gehenden ästhetischen Produktion sollte man die schönsten Beispiele dafür in der Werbeindustrie suchen.
 
Es lassen sich zunächst zwei Hauptkategorien für alle zweckentfremdeten Elemente bestimmen, ohne zu unterscheiden, ob ihre Gegenüberstellung mit einer Verbesserung der Originale verbunden ist oder nicht. Es sind die geringfügigen und die mißbräuchlichen Zweckentfremdungen.
Eine geringfügige Zweckentfremdung ist die eines Elements ohne eigene Bedeutung, dessen ganzer Sinn folglich in der Gegenüberstellung liegt, die ihm aufgezwungen wird. So zum Beispiel Zeitungsausschnitte, ein neutraler Satz, irgendeine Fotografie.
Die mißbräuchliche Zweckentfremdung -auch Zweckentfremdung mit warnender Absicht genannt - bezieht sich im Gegenteil auf ein an sich bedeutungsvolles Element, das aus der neuen Zusammenstellung eine andersartige Bedeutung bekommt. Zum Beispiel eine Parole von Saint Just oder eine Sequenz von Eisenstein.
Zweckentfremdete Werke von einem gewissen Umfang bestehen also in den meisten Fällen aus einer oder mehreren Folgen von mißbräuchlich-geringfügigen Zweckentfremdungen.
 
Es lassen sich schon jetzt mehrere Gesetze über die Anwendung der Zweckentfremdung festlegen.
Am lebhaftesten trägt das Element zum Gesamteindruck bei, das aus dem entferntesten Zusammenhang zweckentfremdet wurde - und nicht Elemente, die die Natur dieses Eindrucks direkt bestimmen. So ist zum Beispiel in einer Metagraphie über den spanischen Bürgerkrieg der Satz mit dem deutlichsten revolutionären Sinn folgende unvollständige Werbung für eine Lippenstiftmarke: "Schöne Lippen tragen Rot". In einer anderen Metagraphie ("J.H.s Tod") bringen 125 kleine Anzeigen über den Verkauf von Gastwirtschaften einen Selbstmord deutlicher zum Ausdruck als die Zeitungsartikel, die über ihn berichten.
Die in die zweckentfremdeten Elemente eingeführten Verzerrungen sollten äußerste Vereinfachung anstreben, da die Hauptkraft einer Zweckentfremdung direkt von ihrem bewußten oder undeutlichen Wiedererkennen durch das Gedächtnis abhängig ist. Das ist wohlbekannt. Wir wollen hier nur darauf hinweisen, daß ein solcher Gebrauch des Gedächtnisses - als Vorbedingung für die Anwendung der Zweckentfremdung - zwar die Wahl eines bestimmten Publikums voraussetzt, dies aber nur der besondere Fall eines allgemeinen Gesetzes ist, das genau wie die Zweckentfremdung auch jede andere Art des Einwirkens auf die Welt beherrscht. Die Idee einer absoluten Ausdrucksform ist tot und es bleibt im Augenblick nur noch ein Nachäffen dieser Praxis, solange unsere anderen Feinde weiterleben.
Die Zweckentfremdung wirkt um so weniger, je näher sie einer rationalen Erwiderung kommt. Das gilt für einen größeren Teil der von Lautréamont veränderten Maximen. Je deutlicher der rationale Charakter der Erwiderung zum Vorschein kommt, desto ähnlicher wird diese der banalen Schlagfertigkeit, die ebenfalls darin besteht, die Worte des Gegners gegen ihn zu wenden. Das bleibt natürlich nicht auf das Gebiet der gesprochenen Sprache beschränkt. In diesem Zusammenhang kam es zum Beispiel zu einer Diskussion über das Projekt einiger unserer Genossen, ein antisowjetisches Plakat der faschistischen Organisation "Frieden und Freiheit" zweckzuentfremden - es verkündete über dem Durcheinander der verschiedenen westlichen Fahnen: "Einigkeit macht stark". Die Genossen wollten auf einem Flugblatt kleineren Formats den Satz hinzufügen: "... und Bündnisse machen Krieg".
Die Zweckentfremdung durch einfache Umkehrung ist immer die unmittelbarste und die am wenigsten wirksame. Was nicht bedeuten soll, daß sie keinen progressiven Aspekt haben kann. So zum Beispiel folgende Benennung für ein Denkmal und einen Menschen: "Der Tiger genannt Clemenceau". In derselben Weise setzt die schwarze Messe der Stimmungskonstruktion, die sich auf eine gegebene Metaphysik gründet, eine Stimmungskonstruktion im selben Rahmen entgegen, indem sie die aufrechterhaltenen Werte dieser Metaphysik umkehrt.
Von den vier genannten Gesetzen ist das erste wesentlich und läßt sich allgemein anwenden. Die drei anderen gelten praktisch nur für die mißbräuchlich zweckentfremdeten Elemente.
 
Die ersten sichtbaren Folgen einer Verallgemeinerung der Zweckentfremdung sind -außer der ihr innewohnenden propagandistischen Kraft - das Wiedererscheinen einer Menge schlechter Bücher, die massenhafte Beteiligung unbekannter Schriftsteller und die immer weiter vorangetriebene Differenzierung der Phrasen oder Kunstwerke, die gerade Mode sind, sowie vor allem eine Leichtigkeit der Produktion, die durch ihre Quantität, ihre Vielfältigkeit und ihre Qualität sehr weit über die automatische Schrift langweiligen Andenkens hinausgehen wird.
Die Zweckentfremdung führt nicht nur zur Entdeckung neuer Aspekte des Talents, sie muß, da sie frontal mit allen gesellschaftlichen und rechtlichen Konventionen zusammenstößt, als ein mächtiges kulturelles Werkzeug im Dienst eines richtig verstandenen Klassenkampfes zur Verfügung stehen. Ihre billigen Produkte bilden das schwere Geschütz, mit der in alle chinesischen Mauern der Intelligenz eine Bresche geschossen werden kann. Das ist ein echtes Mittel der proletarischen Kunsterziehung, der erste Entwurf eines literarischen Kommunismus.
Auf dem Gebiet der Zweckentfremdung lassen sich Vorschläge und Realisationen nach Belieben vervielfachen. Wir wollen uns zur Zeit damit begnügen, einige konkrete Möglichkeiten in den verschiedenen aktuellen Kommunikationssektoren aufzuzeigen, wobei diese Einteilungen selbstverständlich nur im Zusammenhang mit den heutigen technischen Bedingungen gelten; sie alle werden, mit ihrer fortschreitenden technischen Entwicklung, zugunsten höherer Synthesen allmählich verschwinden.
Abgesehen von den verschiedenen unmittelbaren Nutzungsmöglichkeiten zweckentfremdeter Sätze auf Plakaten, Schallplatten oder in Rundfunksendungen sind die metagraphische Schrift und - in geringerem Maße -der geschickt pervertierte Roman die beiden hauptsächlichen Anwendungsgebiete der zweckentfremdeten Prosa.
Die Zweckentfremdung eines ganzen Romans ist ein Unternehmen ohne große Zukunft, sie könnte sich aber in der Übergangsphase als wirksam erweisen. Eine solche Zweckentfremdungsform gewinnt, wenn sie mit Illustrationen versehen wird, die in einem uneindeutigen Zusammenhang zum Text stehen. Trotz der Schwierigkeiten, die wir nicht verheimlichen wollen, halten wir eine aufschlußreiche psychogeographische Entwendung des Romans Consuelo von George Sand für möglich; er könnte in einer anderen Aufmachung wieder auf den Büchermarkt gebracht werden, verborgen unter einem harmlosen Titel wie Entferntere Vorortgegend, obwohl der Titel selber auch entwendet werden könnte, wie zum Beispiel Die verlorene Patrouille. (Es wäre empfehlenswert, auf diese Art viele Titel von Filmen wieder einzuführen, mit denen man ohnehin nichts anderes anfangen kann, da man es versäumt hat, sich der alten Kopien vor ihrer Zerstörung zu bemächtigen, oder solcher, die weiterhin die Jugend in den Filmclubs verblöden.)
Die metagraphische Schrift, wie rückständig andererseits der bildnerische Rahmen auch sein mag, der sie materiell einfaßt, bietet der zweckentfremdeten Prosa sowie anderen geeigneten Gegenständen oder Bildern reichhaltigere Anwendungsmöglichkeiten. Man kann darüber anhand des Projekts aus dem Jahr 1951 urteilen, das aus Mangel an ausreichen den Geldmitteln aufgegeben wurde: Ein Flipper sollte so eingerichtet werden, daß das Spiel seiner blinkenden Lichter und der mehr oder weniger voraussehbare Lauf seiner Kugeln eine metagraphisch-räumliche Interpretation darstellen würde, mit dem Titel "Über die Wärmeempfindungen und die Begierden der Leute, die im November ungefähr eine Stunde nach Sonnenuntergang an den Gittern des Clunymuseums vorbeigehen". Inzwischen wissen wir natürlich, daß eine situationistisch-analytische Arbeit auf solchen Wegen nicht wissenschaftlich vorwärtskommen kann. Dennoch bleiben die Mittel für weniger anspruchsvolle Zwecke immer gut.
Ihre größte Wirksamkeit - und für diejenigen, die sich damit beschäftigen, zweifellos ihre größte Schönheit - kann die Zweckentfremdung offensichtlich im Rahmen des Films erzielen.
Die Wirkungsmöglichkeiten des Films sind so breit und der Mangel an Koordination dieser Wirkungsmöglichkeiten so offenkundig, daß fast alle Filme, die über den erbärmlichen Durchschnitt hinausgehen, eine unendliche Polemik zwischen Zuschauern oder Berufskritikern in Gang halten können. Fügen wir hinzu, daß nur der Konformismus diese Leute daran hindert, so mitreißenden Charme und so himmelschreiende Fehler in den Filmen unterster Kategorie zu finden. Um ein wenig mit dieser lächerlichen Verwirrung der Werte aufzuräumen, sagen wir, daß Griffiths Geburt einer Nation aufgrund der Masse an Neuerungen, die er vorführt, einer der wichtigsten Filme in der Geschichte der Filmkunst ist. Andererseits ist es ein rassistischer Film, der es also absolut nicht wert ist, in seiner aktuellen Form gezeigt zu werden. Aber sein striktes Verbot könnte auf dem zwar nebensächlichen, aber zu einem besseren Gebrauch des Films geeigneten Gebiet bedauerlich sein. Am besten ist es, ihn als Ganzes, ohne Veränderung des Schnitts, mit Hilfe eines Tonstreifens zweckzuentfremden, der aus ihm eine kraftvolle Entlarvung der Greuel des imperialistischen Krieges und des bekanntlich zur Zeit in den Vereinigten Staaten immer noch tätigen Klu-Klux-Klans machen würde.
Eine solche, recht gemäßigte Zweckentfremdung ist letzten Endes nur das moralische Äquivalent für die Restauration alter Gemälde in Museen. Aber die meisten Filme verdienen nur eine Zerstückelung, um daraus andere Werke zusammenzusetzen. Selbstverständlich wird diese Umgestaltung bestehender Bildfolgen nicht ohne die Mitwirkung anderer Elemente geschehen, musikalischer, malerischer und auch geschichtlicher Elemente. Während sich bisher jede Geschichtsfälschung im Film mehr oder weniger nach der Art Posse richtet, die Guitrys Rekonstruktionen vorgegeben haben, könnte man Robespierre vor seiner Hinrichtung sagen lassen: "Trotz so vieler Schicksalsschläge lassen mich meine Erfahrungen und die Größe meiner Aufgabe befinden, daß alles gut ist." Wenn wir bei dieser Gelegenheit die griechische Tragödie passend verjüngt haben, um Robespierre zu verherrlichen, so kann man sich auch eine Bildfolge neo-realistischen Stils vorstellen, in der zum Beispiel an der Theke einer Femfahrerkneipe einer der Lastwagenfahrer ernsthaft zu einem anderen sagt: "Die Moral war in den Büchern der Philosophen, wir haben sie in die Regierung der Nationen eingeführt." Man sieht, was diese Begegnung dem Denken Maximiliens und dem einer Diktatur des Proletariats an Ausstrahlung hinzufügt.
Das Licht der Zweckentfremdung verbreitet sich gradlinig. Da die neue Architektur anscheinend mit einer barocken Experimentalstufe beginnen muß, wird der architektonische Komplex - den wir als die Konstruktion eines dynamischen Milieus in Verbindung mit Verhaltensstilen verstehen - wahrscheinlich die Zweckentfremdung der bekannten Architekturformen benutzen und sich auf dem Gebiet der Plastik und der Emotionen verschiedene zweckentfremdete Gegenstände in jedem Fall zunutze machen - so werden sachkundig arrangierte Kräne oder Metallgerüste vorteilhaft die tote Tradition der Skulptur ersetzen. Daran können nur die schlimmsten Fanatiker der französischen Gartenbaukunst Anstoß nehmen. Man erinnere sich daran, daß das Aas d'Annunzio auf seine alten Tage in seinem Park den Bug eines Torpedobootes aufgestellt hatte. Wenn man seine patriotischen Motive ignoriert, kann man nur Gefallen an diesem Denkmal finden.
Würde man die Zweckentfremdung bis zu den Realisierungen des Urbanismus ausdehnen, so wäre es ohne Zweifel niemandem gleichgültig, wenn man in einer Stadt ein ganzes Viertel aus einer anderen Stadt genauestens nachbauen würde. Das Leben, das nie zu verwirrend sein kann, würde dadurch wirklich verschönert.
Wie wir schon gesehen haben, sind selbst Titel ein radikales Element der Zweckentfremdung. Diese Tatsache folgt aus zwei allgemeinen Feststellungen, und zwar, daß alle Titel einerseits austauschbar sind und andererseits in mehreren Disziplinen entscheidende Bedeutung haben. Alle Kriminalromane der série noire gleichen einander stark, und allein die Wahl immer neuer Titel genügt, um ihnen einen beträchtlichen Leserkreis zu sichern. Im Fall der Musik übt der Titel immer noch einen großen Einfluß aus und nichts kann seine Wahl wirklich rechtfertigen. Es wäre also nicht schlecht, eine letzte Korrektur des Titels der "heroischen Symphonie" [Eroïca] vorzunehmen, indem man aus ihr zum Beispiel eine "Lenin-Symphonie" macht.
Der Titel trägt stark zu einer Zweckentfremdung des Werkes bei, es läßt sich aber eine Rückwirkung des Werkes auf den Titel nicht vermeiden. Man kann also in großem Umfang unveränderte Titel verwenden, die wissenschaftlichen (Biologie der Küsten der gemäßigten Meere) oder militärischen Veröffentlichungen (Nachtgefechte kleiner Infanterieeinheiten) entnommen werden - und viele in Kindercomics gefundene Sätze ("Vor den Augen der Seefahrer tun sich wunderschöne Landschaften auf).
Zum Schluß müssen wir noch kurz einige Aspekte dessen aufzählen, was wir die Ultrazweckentfremdung nennen wollen; das sind die Tendenzen der Zweckentfremdung, die zu einer Anwendung im sozialen und alltäglichen Leben drängen. Gesten und Worte können einen anderen Sinn bekommen und sind sogar durch die Geschichte hindurch aus praktischen Gründen immer wieder mit einem anderen Sinn versehen worden. So verfügten die Geheimgesellschaften im alten China über sehr raffinierte Erkennungszeichen, die fast alle gesellschaftlichen Verhaltensweisen betrafen (die Art und Weise, Tassen zurechtzustellen und zu trinken; Zitate aus Gedichten, die an vereinbarten Stellen unterbrochen werden). Das Bedürfnis nach einer Geheimsprache, nach Kennworten läßt sich nicht von einer Lust am Spiel trennen. Die äußerste Vorstellung dabei ist, daß jedes Zeichen, jedes Wort dazu geeignet ist, in ein anderes und sogar in sein Gegenteil verwandelt zu werden. Da die royalistischen Aufständischen der Vendée sich mit dem widerlichen Bild des Herzen Jesu ausstaffierten, nannten sie sich die Rote Armee. Auf dem wenn auch begrenzten Gebiet des Wortschatzes des politischen Krieges ist dieser Ausdruck innerhalb eines Jahrhunderts völlig zweckentfremdet worden.Über die Sprache hinaus ist es nach derselben Methode möglich, die Kleidung samt aller ihr innewohnenden emotionalen Bedeutung zweckzuentfremden. Auch hier ist der Begriff der Verkleidung eng mit dem des Spiels verbunden. Wenn man schließlich so weit gekommen ist, Situationen zu konstruieren, was das Endziel unserer ganzen Tätigkeit ist, wird es jedem frei stehen, gesamte Situationen zweckzuentfremden, indem er mit voller Absicht diese oder jene ihrer determinierenden Bedingungen ändert.
Die hier kurz behandelten Verfahren werden nicht als eine eigene Erfindung ausgegeben, sondern im Gegenteil als eine ziemlich allgemein verbreitete Praxis, deren Systematisierung wir beabsichtigen.
Die Theorie der Zweckentfremdung an und für sich interessiert uns kaum. Wir finden sie aber mit fast allen konstruktiven Aspekten der prä-situationistischen Übergangsperiode verbunden. Ihre Bereicherung durch die Praxis scheint uns also notwendig zu sein.


Guy-Ernst Debord und Gil J. Wolman Les Lévres nues, Nr. 8, Mai 1956 <top>

Situationistische Internationale
 Der Lärm und die Wut


Von den wütenden jungen Leuten, vom Zorn der heutigen Jugend wird viel geredet. Deswegen wird viel davon geredet, weil von den unbegründeten Krawallen der schwedischen Jugendlichen bis zu den Proklamationen der englischen "angry young men" , die versuchen, sich zu einer literarischen Bewegung zusammenzugruppieren, dieselbe tiefe Harmlosigkeit und dieselbe beruhigende Schwäche wiederzufinden sind. Als Produkt einer Epoche der Auflösung der herrschenden Ideen und Lebensweisen , sowie der ungeheuren Siege gegen die Natur ohne eine wirkliche Erweiterung der Möglichkeiten im alltäglichen Leben, findet diese plötzliche Aufwallung der Jugend, die oft brutal gegen die ihr aufgezwungenen Lebensverhältnisse geht, im Grossen und Ganzen gleichzeitig mit der surrealistischen Geistesverfassung statt.
Ihr fehlen aber dessen Anwendungspunkte in der Kultur und der revolutionären Hoffnung. So dass im Hintergrund dieses spontanen Negativismus der amerikanischen, skandinavischen bzw. japanischen Jugend immer wieder der Verzicht mitklingt. In Frankreich war Saint-Germain-des-Pres schon in den ersten Jahren der Nachkriegszeit ein Laboratorium dieser - von den Zeitungen ungebührlich "existentialistisch" genannten - Verhaltensweisen gewesen, was erklärt, dass die heutigen geistigen Vertreter dieser Generation in Frankreich ( Francoise Sagan-Drouet, Robbe-Grillet, Vadim, der scheussliche Büffet ) alle den Verzicht übertrieben veranschaulichen und naiv illustrieren.
Zeigt diese geistige Generation außerhalb Frankreichs mehr Aggressivität, so geht ihr Bewußtsein davon von der einfachen Schwachsinnigkeit zur verfrühten Zufriedenheit - bei einer sehr ungenügenden Revolte. Der Gestank nach faulen Eiern, der den Gottesgedanken umschwebt, hüllt die mystischen Idioten der amerikanischen "beat generation" ein und man findet ihn sogar in den Erklärungen der "angry young men" (vgl. ColinWilson) wieder. Im allgemeinen entdecken diese mit 30 Jahren Verspätung ein subversives moralisches Klima, das ENGLAND ihnen in der Zwischenzeit völlig verheimlicht hatte, und sie meinen, sie seien an der Spitze des Skandals, indem sie sich öffentlich als Republikaner ausgeben. "Es werden weiter Theaterstücke gespielt ", schreibt Kenneth Tynan,"die sich auf die lächerliche Idee gründen, dass die Leute die Krone, das Empire, die Kirche, die Universität und die gute Gesellschaft immer noch fürchten und achten". Die Wendung "es werden weiter Theaterstücke gespielt" lässt den seicht LITERARISCHEN Standpunkt dieser Gruppe der "angry young men" erkennen, die schliesslich bloss ihre Meinung über einige konventionelle gesellschaftliche Formen geändert haben, ohne den GEBIETSWECHSEL der gesamten kulturellen Aktivität einzusehen, den man bei jeder avantgardistischen Tendenz dieses Jahrhunderts deutlich beobachten kann. Besonders reaktionär sind die "angry young men" sogar dadurch, dass sie der Literaturübung einen bevorzugten Wert, einen Erlösungssinn, beimessen, was also heisst, dass sie heute als die Verteidiger einer Mystifizierung auftreten, die in Europa um 1920 entlarvt wurde und deren Fortleben eine grössere konterrevolutionäre Bedeutung als die der britischen Krone hat.
Der gemeinsame Nenner dieser Gerüchte und Klangnachahmungen des revolutionären Ausdrucks ist es, den Sinn und die Grosse des Surrealismus - dessen Erfolg innerhalb der bürgerlichen Kunst natürlich eine sehr entstellende Wirkung hatte - zu ignorieren. Die Fortsetzung des Surrealismus wäre eigentlich die konsequenteste Haltung, wenn es nichts Neuem gelingen sollte, ihn zu ersetzen. Aber die sich ihm anschliessende Jugend - da sie die tiefe Forderung des Surrealismus kennt und den Widerspruch zwischen ihr und der Bewegungslosigkeit eines Pseudo-Erfolgs nicht überwinden kann -nimmt ihre Zuflucht gerade bei den reaktionärsten Aspekten, die dem Surrealismus schon bei seiner Bildung eigen waren - wie z.B. die Magie und der Glaube an ein goldenes Zeitalter, das sich anderswo als vorne in der Geschichte befinden könnte. Es ist so weit gekommen, dass man steh jetzt beglückwünscht, immer noch unter dem TRIUMPHBOGEN des Surrealismus präsent zu sein, unter dem man auf hergebrachte Weise bleiben will, wie Gerard Legrand stolz schreibt: "ein kleiner Kern junger Männer, die trotzig bestrebt sind, die echte Flamme des Surrealismus am Leben zu erhalten" (' Surrealisme meme , Nr.2).
Eine noch stärkere emanzipatorische Bewegung als die des Surrealismus von 1924 - der Breton beizutreten versprach, falls sie erscheinen sollte - kann sich nicht leicht gründen, da ihr befreiender Charakter von der Besitzergreifung höherer technischer Mittel der modernen Welt abhängt. Die Surrealisten des Jahres 1958 sind aber unfähig geworden, dieser beizustimmen und sie sind sogar entschlossen, sie zu bekämpfen. Was die Notwendigkeit für eine revolutionäre Bewegung in der Kultur nicht wegschafft, die vom Surrealismus geforderte Freiheit des Geistes und konkrete Freiheit der Sitten mit mehr Wirksamkeit zu übernehmen.
Für uns war der Surrealismus nur der Anfang eines revolutionären Experimentes in der Kultur, das fast sofort praktisch und theoretisch abbrach. Es handelt sich jetzt darum, noch weiter zu gehen. Warum kann man nicht mehr Surrealist sein? Nicht um der Aufforderung nachzukommen' , die ständig an die "Avantgarde" gerichtet wird, sich vom surrealistischen Skandal zu unterscheiden - keiner kümmert sich darum, ob wir uns jeden Augenblick originell verhalten. Und zwar aus guten Gründen : welche neue Richtung würde man uns vorschlagen? Im Gegenteil dazu ist die Bourgeoisie dazu bereit, all den Rückschritten Beifall zu spenden, die zu wählen es uns beliebt. Wenn man nicht Surrealist ist, dann UM SICH NICHT ZU LANGWEILEN!
Langeweile ist die dem alt gewordenen Surrealismus, den wütenden und wenig informierten jungen Männern und dieser Rebellion der behaglich lebenden Jugendlichen gemeinsame Wirklichkeit, die zwar ohne Perspektive ist, aber weit davon entfernt, ohne Grund zu sein. Die Situationisten werden das Urteil vollstrecken, das die heutige Freizeit gegen sich selbst fällt.
 
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Raoul Vaneigem
Basisbanalitäten

Der Wohlfahrtsstaat zwingt uns heute in Form von technischem Komfort (Mixgeräte, Konserven, Sarcelles und Mozart für jeden) die Elemente eines Überlebens auf, für dessen Aufrechterhaltung die meisten Menschen gestern wie heute ihre gesamten Energien unaufhörlich eingesetzt haben, während sie sich gleichzeitig untersagten zu leben.
Nun ist die Organisation, die die materielle Ausstattung unseres alltäglichen Lebens verteilt, derart, daß das, was eigentlich ermöglichen sollte, es reichhaltiger zu machen, uns in einen Armutsluxus stürzt und die Entfremdung um so unerträglicher macht, als jedes Element des Komforts uns mit einem Befreiungsgebaren und dem Gewicht einer Knechtschaft überfällt. Wir sind heute zur Sklaverei der befreienden Arbeit verdammt.
Um dieses Problem zu verstehen, muß man es ins Licht der hierarchisierten Macht stellen, die so evident wie Tag und Nacht ist. Vielleicht genügt es aber nicht zu sagen, daß die hierarchisierte Macht die Menschheit seit Jahrtausenden schützt, wie der Alkohol den Fötus daran hindert, zu verwesen oder zu wachsen. Es muß hinzugefügt werden, daß die hierarchisierte Macht die höchste Entwicklungsstufe der enteignenden Aneignung ist -historisch betrachtet deren Alpha und Omega. Die enteignende Aneignung kann man als Aneignung der Dinge durch die Aneignung der Menschen definieren, da die gesellschaftliche Entfremdung aus dem Kampf gegen die Entfremdung in der Natur entsteht.
Die enteignende Aneignung setzt eine Organisation des Scheins voraus, in der die radikalen Widersprüche verdeckt werden: Die Knechte müssen sich als blasse Abbilder des Herren erkennen, so daß über den Spiegel einer illusorischen Freiheit hinaus das vergrößert wird, was ihre Untertänigkeit und Passivität verstärkt. Der Herr muß sich seinerseits mit dem mythischen und vollkommenen Knecht eines Gottes bzw. einer Transzendenz identifizieren, die nichts anderes als die heilige und abstrakte Repräsentation der Totalität der Menschen und Dinge ist, über die er eine um so wirklichere und um so weniger angezweifelte Macht ausübt, je universeller sein tugendhafter Verzicht an Glauben gewinnt. Dem wirklichen Opfer des Ausführenden entspricht das mythische Opfer des Herrschenden; das eine findet in dem anderen seine Verneinung, das Fremde wird vertraut und das Vertraute fremd, jeder verwirklicht sich in seiner Umkehrung. Aus der gemeinsamen Entfremdung entsteht die Harmonie, eine negative Harmonie, deren grundsätzliche Einheit der Begriff des Opfers ist. Was die objektive (und pervertierte) Harmonie aufrecht hält, ist der Mythos, und dieser Ausdruck wurde gebraucht, um die Organisation des Scheins in den einheitlichen Gesellschaften zu bezeichnen - d.h. also in den Gesellschaften, in denen eine göttliche Autorität offiziell über der Sklaven-, Stammes- oder Feudalmacht steht und in denen das Heilige es der Macht ermöglicht, die Totalität in Beschlag zu nehmen.
Die ursprünglich auf der "Hingabe" beruhende Harmonie schließt eine Form von Beziehung ein, die sich dann weiterentwickelt, bis sie autonom wird und die Harmonie zerstört. Diese Beziehung stützt sich auf den parzellierten Tausch (von Waren, Geld, Produkten, Arbeitskraft usw.), den Tausch eines Teils von sich selbst, der den Begriff der bürgerlichen Freiheit begründet. Diese Beziehung wächst in dem Maße, wie innerhalb der Ökonomie landwirtschaftlichen Typs Handel und Technik die Oberhand gewinnen.
Mit der Machtergreifung der Bourgeoisie verschwindet die Einheit der Macht. Die heilige enteignende Aneignung wird im kapitalistischen Mechanismus weltlich. Von der Beherrschung durch die Macht befreit, ist die Totalität wieder konkret und unmittelbar geworden. Die Ära der Parzellierung besteht aus nicht mehr als einer Reihe von Bemühungen, eine unerreichbare Einheit zurückzuerobern und einen Ersatz für das Heilige zu schaffen, der die Macht schützen könnte.
Ein revolutionärer Moment besteht dann, wenn "alles, was die Wirklichkeit präsentiert", seine unmittelbare Repräsentation findet. In der übrigen Zeit arbeitet die hierarchisierte Macht, von ihrer magischen und mystischen Pracht immer weiter entfernt, daran, vergessen zu lassen, daß die Totalität - die nichts anderes war als die Wirklichkeit! - sie als Betrügerin entlarvt.
 
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Mit ihrem frontalen Angriff auf die mythische Organisation des Scheins trafen die bürgerlichen Revolutionen ganz unfreiwillig den wunden Punkt nicht nur der einheitlichen, sondern vor allem der hierarchisierten Macht in allen ihren Formen. Kann dieser unvermeidliche Irrtum den Schuldkomplex, der einer der Hauptzüge des bürgerlichen Geistes ist, erklären? Es handelt sich zumindest unbezweifelbar um einen unvermeidlichen Irrtum.
Ein Irrtum zunächst, weil der Mythos, nachdem die lügnerische Undurchsichtigkeit, die die enteignende Aneignung verbarg, einmal aufgebrochen ist, zerplatzt und eine Leere hinterläßt, die nur eine delirierende Freiheit und starke Poesie auffüllen können. Freilich hat die orgiastische Poesie bisher die Macht nicht zugrundegerichtet. Für ihren Mißerfolg gibt es leicht erklärbare Gründe, und ihre zweideutigen Zeichen decken die versetzten Schläge ebenso auf, wie sie gleichzeitig die Wunden vernarben lassen. Trotzdem genügt es - wir wollen die Historiker und die Ästheten bei ihren Sammlungen nicht stören -, den Schorf der Erinnerung abzukratzen, damit die alten Schreie, Worte und Gesten die Macht von neuem in ihrem ganzen Umfang zum Bluten bringen. Die gesamte Organisation des Überlebens der Erinnerungen kann das Vergessen nicht daran hindern, diese Erinnerungen in dem Maße auszulöschen, wie sie, wieder lebendig geworden, sich aufzulösen beginnen - genauso wie unser Überleben bei der Konstruktion unseres alltäglichen Lebens.
Dann ein unvermeidlicher Prozeß: Wie Marx gezeigt hat, eröffnen das Auftauchen des Tauschwertes und seine symbolische Ersetzung durch das Geld eine tiefe, latente Krise innerhalb der einheitlichen Welt. Die Ware verleiht den menschlichen Beziehungen einen universalen (ein 1.000 Francs-Schein repräsentiert all das, was ich für diese Summe erwerben kann) und egalitären Charakterzug (es werden gleichwertige Dinge ausgetauscht). Diese "egalitäre Universalität" entgeht zum Teil sowohl dem Ausbeuter als auch dem Ausgebeuteten, der eine wie der andere erkennen sich aber in ihr wieder. Sie finden sich von
Angesicht zu Angesicht wieder, nicht mehr im Geheimnis der göttlichen Geburt und Herkunft miteinander konfrontiert, wie das für den Adel der Fall war, sondern in einer für alle verständlichen Transzendenz - dem Logos also, einer Gesamtheit von Gesetzen, die für alle begreifbar sind, wenn auch eine solche Begreifbarkeit immer noch vom Geheimnis umfaßt wird. Ein Geheimnis, das seine Initiierten hat: zuerst die Priester, die sich darum bemühen, den Logos im Vorhimmel der göttlichen Mystik zu halten, bevor sie den Philosophen und später den Technikern die Würde der heiligen Mission überlassen. Von der platonischen Republik zum kybernetischen Staat.
So wird unter dem Druck des Tauschwertes und der Technik (die man die "greifbare Vermittlung" nennen könnte) der Mythos langsam weltlich. Auf zwei Tatsachen soll jedoch hingewiesen werden:
a) Indem sich der Logos von der mystischen Einheit freimacht, behauptet er sich zugleich in ihr und gegen sie. Über die magischen und analogen Verhaltensstrukturen legen sich rationelle und logische Verhaltensstrukturen, die diese verneinen und gleichzeitig aufbewahren - wie z.B. die Mathematik, die Poetik, die Ökonomie, die Ästhetik, die Psychologie usw.
b) Jedesmal, wenn der Logos als die "Organisation des verstehbaren Scheins" an Autonomie gewinnt, tendiert er dazu, sich vom Heiligen abzutrennen und zu parzellieren, so daß er die einheitliche Macht doppelt gefährdet. Wir wissen schon, daß das Heilige die Beschlagnahme der Totalität durch die Macht ausdrückt und daß jeder zur Totalität Strebende die Vermittlung der Macht braucht - die mit dem Bann belegten Mystiker, Alchimisten und Gnostiker beweisen das zur Genüge. Dadurch läßt sich auch erklären, warum die gegenwärtige Macht die Spezialisten "schützt", in denen sie dunkel die Missionare eines wieder geheiligten Logos erkennt, ohne ihnen jedoch volles Vertrauen zu schenken. Es gibt historische Zeichen, die von den Anstrengungen zeugen, in der mystischen, einheitlichen Macht eine konkurrierende Macht zu gründen, die ihre Einheit vom Logos fordern würde - als solche gelten z.B. der christliche Synkretismus, der Gott psychologisch erklärbar macht, die Renaissance-Bewegung, die Reformation und die Aufklärung.
Alle Herren, die sich um die Aufrechterhaltung der Einheit des Logos bemüht haben, waren sich dabei genau dessen bewußt, daß allein die Einheit der Macht Bestand verleiht. Bei etwas näherer Betrachtung waren ihre Bemühungen nicht so vergeblich, wie die Parzellierung des Logos im XIX. und XX. Jahrhundert zu beweisen scheint. In der allgemeinen Atomisierungsbewegung ist der Logos zu spezialisierten Techniken zerbröckelt (Physik, Biologie, Soziologie, Papyruskunde, um nur einige zu nennen); zu gleicher Zeit aber drängt sich die Rückkehr zur Totalität um so stärker auf. Man sollte es nicht vergessen: Eine technokratisch allmächtige Macht würde genügen, damit die Planung der Totalität in Angriff genommen wird und der Logos die Funktion des Mythos übernimmt, als zukünftige, einheitliche - kybernetische - Macht die Totalität in Beschlag zu nehmen. In einer solchen Perspektive wäre der Traum der Enzyklopädisten (eines eng rationalisierten unbegrenzten Fortschritts) nur um zwei Jahrhunderte verschoben worden, bevor er Wirklichkeit wird. In diesem Sinne bereiten die Stalino-Kybemetiker die Zukunft vor. In dieser Perspektive muß man verstehen, daß die friedliche Koexistenz eine totalitäre Einheit einleitet. Es ist an der Zeit, daß jeder sich dessen bewußt wird, daß er bereits dagegen Widerstand leistet.
 
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Das Schlachtfeld ist bekannt. Es geht darum, den Kampf vorzubereiten, bevor der politische Koitus zwischen dem mit seiner Totalität ohne Technik ausgestatteten Pataphysiker und dem Kybernetiker, mit seiner Technik ohne Totalität, gebührend gesegnet worden ist.
Vom Standpunkt der hierarchisierten Macht aus war die Entheiligung des Mythos nur dann annehmbar, wenn der Logos - oder zumindest seine entheiligenden Elemente - wieder geheiligt wurde. Das Heilige angreifen hieß gleichzeitig - ein bekanntes Lied! -, die Totalität befreien und folglich die Macht zerstören. Nun erhält die zerstückelte, arme und ständig angegriffene Macht der Bourgeoisie ihr relatives Gleichgewicht, indem sie sich auf folgende Zweideutigkeit stützt: die objektiv entheiligende Technik erscheint subjektiv als ein Instrument der Befreiung. Keine wirkliche Befreiung aber, wie allein die Entheiligung -d.h. das Ende des Spektakels - sie möglich machen kann, sondern eine Karikatur, ein Ersatz, eine heraufbeschworene Halluzination. Die parzellierte Macht überträgt das, was die einheitliche Weltanschauung ins Jenseits verwies (das Bild der Erhebung), in den zukünftigen Wohlstand (das Bild des Vor-Habens jenes nächsten Morgens, der auf dem Misthaufen der Gegenwart singt und nichts anderes ist als die mit der Zahl der zu produzierenden Gadgets multiplizierte Gegenwart. Von der Parole "In Gott leben" ist man zur humanistischen Formel "Alt überleben" übergegangen, die man folgendermaßen formuliert: "Jung leben - lange leben".
Dem entheiligten und parzellierten Mythos gehen Hochmut und Geistigkeit verloren. Er wird zur inhaltsarmen Form, die ihre früheren Merkmale zwar behält, sie aber auf konkrete, brutale und fühlbare An offenbart. Gott hat aufgehört, Regisseur zu sein, und während er darauf wartet, daß der Logos ihm mit den Waffen der Technik und der Wissenschaft nachfolgt, nehmen die Gespenster der Entfremdung überall Gestalt an und stiften Unruhe. Man achte darauf: das sind die Vorzeichen einer zukünftigen Ordnung. Von nun an müssen wir spielen, wenn wir vermeiden wollen, daß die Zukunft im Zeichen des Überlebens steht oder sogar daß das unmöglich gewordene Überleben - und selbstverständlich das gesamte Experiment der Konstruktion des alltäglichen Lebens mit ihm zusammen - vollkommen verschwindet (die Hypothese eines Selbstmordes der Menschheit). Die lebenswichtigen Ziele des Kampfes um die Konstruktion des alltäglichen Lebens sind die wunden Punkte jeder hierarchisierten Macht. Die Konstruktion des einen ist die Zerstörung des anderen. Immer noch befinden sich die Elemente im Wirbelwind der Entheiligung und der erneuten Heiligsprechung, gegen die wir uns in erster Linie definieren: die Organisation des Scheins zu einem Spektakel, in dem jeder sich verneint; die Trennung, auf die sich das Privatleben gründet, da es der Raum ist, in dem die objektive Trennung zwischen Besitzenden und Enteigneten erlebt und auf jede Ebene übertragen wird; und das Opfer. Diese drei Elemente sind selbstverständlich eng miteinander verflochten - wie ihre antagonistischen Gegensätze: die Beteiligung, die Kommunikation und die Verwirklichung. Dasselbe gilt für ihren Kontext: Nicht-Totalität (eine Welt des Mangels oder eine der kontrollierten Totalität) und Totalität.
 
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Die seinerzeit in der göttlichen Transzendenz aufgelösten menschlichen Beziehungen -anders gesagt: die dem Heiligen untergeordnete Totalität - haben sich abgeklärt und verdichtet, sobald das Heilige aufgehört hat, als Katalysator zu wirken. Ihre Materialität ist hervorgetreten, und während die launischen Gesetze der Ökonomie auf die göttliche Vorsehung folgten, kam die Macht der Menschen hinter derjenigen der Götter zum Vorschein. Der damals mythischen Rolle, unter dem göttlichen Flutlicht von jedem gespielt, entspricht heute eine Vielfalt von Rollen, deren Masken - obwohl sie menschliche Gesichter sind - vom Schauspieler als auch vom Statisten weiterhin verlangen, gemäß der Dialektik des mythischen und des wirklichen Opfers sein wirkliches Leben zu verneinen. Das Spektakel ist nichts anderes als der entheiligte und parzellierte Mythos. Es macht den Panzer einer Macht aus (den man auch als "wesentliche Vermittlung" bezeichnen könnte), die bei jedem Schlag verwundbar wird, sobald es ihr in der allgemeinen Kakophonie, die alle Schreie unterdrückt und harmonisiert, nicht mehr gelingt, ihre Beschaffenheit als enteignende Aneignung sowie das Unglück zu verbergen, das diese Macht mehr oder weniger stark an alle austeilt.
Wie das Spektakel gegenüber dem Mythos eine Verarmung darstellt, so verarmen im Rahmen einer parzellierten, durch die Entheiligung zerfressenen Macht die Rollen immer mehr. Sie decken das Mechanische und Künstliche mit einer solchen Plumpheit auf, daß die Macht einer Entlarvung des Spektakels durch das Volk nur dadurch zuvorkommen kann, daß sie die Initiative dieser Entlarvung auf noch plumpere Weise ergreift und ihre Schauspieler wie ihre Minister wechselt oder Pogrome organisiert gegen vermeintliche oder vorgefertigte Regisseure (Agenten von Moskau, der Wallstreet, der Judenherrschaft, der oberen Zehntausend). Was auch bedeutet, daß jeder Schauspieler oder Statist des Lebens unfreiwillig dem Komödianten gewichen ist, daß der Stil vor der Ausschmückung zurückgetreten ist.
Der Mythos als unbewegliche Totalität umfaßte die Bewegung - wie z.B. bei der Wallfahrt, die zugleich Vollendung und Abenteuer innerhalb der Unbeweglichkeit ist. Einerseits bemächtigt sich das Spektakel der Totalität nur dadurch, daß es diese auf ein Fragment und eine Folge von Fragmenten reduziert - die psychologische, soziologische, biologische, philologische oder mythologische Weltanschauung -, andererseits steht es am Schnittpunkt der Bewegung der Entheiligung und der Heiligsprechungsversuche. So gelingt es dem Spektakel, die Unbeweglichkeit nur innerhalb der wirklichen Bewegung durchzusetzen - der Bewegung also, die es trotz seines Widerstandes verändert. Im parzellierten Zeitalter macht die Organisation des Scheins aus der Bewegung eine lineare Abfolge unbeweglicher Augenblicke (dieses zahnradbahnähnliche Fortschreiten wird durch den stalinistischen Diamat perfekt veranschaulicht). Im Rahmen dessen, was wir die "Kolonisierung des alltäglichen Lebens" genannt haben, gibt es keine anderen Veränderungen als die von fragmentarischen Rollen. Der Reihe nach und aus mehr oder weniger zwingenden Konventionen ist man Staatsbürger, Familienvater, Liebespartner, Politiker, Spezialist, Berufstätiger, Produzent oder Konsument. Welcher Herrschende empfindet jedoch nicht, daß auch er beherrscht wird? Auf alle paßt das geflügelte Wort: manchmal bescheißen, aber immer angeschissen!
Wenigstens in einem Punkt wird das Zeitalter der Parzellierung keinen Zweifel erlaubt haben: Das alltägliche Leben ist das Schlachtfeld, auf dem der Kampf zwischen der Totalität und der Macht ausgetragen wird und in dem die Macht ihre ganze Energie einsetzt, um die Totalität unter Kontrolle zu bringen.
Wenn wir die Macht des alltäglichen Lebens gegen die hierarchisierte Macht fordern, fordern wir alles. Wir sehen uns in dem generalisierten Konflikt, der vom häuslichen Zwist bis zum revolutionären Krieg geht und setzen auf den Willen zum Leben. Was bedeutet, daß wir als Anti-Überlebende überleben müssen. Grundsätzlich gilt unser Interesse den Augenblicken, in denen das Leben aus der Überlebensvereisung herausspringt - seien diese Augenblicke unbewußt oder zu einer Theorie ausgearbeitet, historisch, wie z.B. die Revolution, oder persönlich. Wir müssen aber die Tatsache anerkennen, daß wir - aufgrund der allgemeinen Unterdrückung durch die Macht und aufgrund der Notwendigkeiten unseres Kampfes, unserer Taktik usw. - auch daran gehindert werden, dem Verlauf solcher Augenblicke frei zu folgen (mit der Ausnahme des Moments der Revolution selbst). Ebenso wichtig ist es, das Mittel zu finden, diesen zusätzlichen "Fehlerquotienten" durch die Erweiterung dieser Augenblicke und die Offenlegung ihrer qualitativen Tragweite auszugleichen. Was wir über die Konstruktion des alltäglichen Lebens sagen, wird von der Kultur und der Subkultur (der Zeitschrift Arguments z.B. und den fragenden Denkern mit bezahltem Urlaub) gerade deshalb nicht rekuperiert, weil jeder situationistische Gedanke die richtige Fortsetzung der Gesten ist, die in jedem Augenblick und von Tausenden von Menschen entworfen werden, um zu vermeiden, daß ein Tag nur zu 24 verpfuschten Stunden verkommt. Sind wir eine Avantgarde? Wenn ja, dann heißt Avantgarde-Sein Schritthalten mit der Wirklichkeit.
 
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Wir behaupten nicht, das Monopol auf die Intelligenz zu haben, wohl aber auf deren Anwendung. Unsere Position ist eine strategische - wir stehen im Mittelpunkt jeden Konflikts, welcher Art er auch sein mag. Das Qualitative ist unsere Force de Frappe. Wenn einer diese Zeitschrift wegschmeißt, weil sie ihn ärgert, handelt er viel wertvoller, als wenn er sie lesen, nur halb verstehen und uns dann um eine Erklärung bitten würde, die ihm beweisen könnte, daß er ein kultivierter Mensch sei, also ein Dummkopf. Früher oder später muß man verstehen, daß die von uns benutzten Worte und Sätze noch hinter der Wirklichkeit zurückbleiben; mit anderen Worten: die Verzerrung und Ungeschicklichkeit unserer Ausdrucksweise (das, was ein geschmackvoller Mensch nicht ohne Wahrheit einen "ziemlich aufreizenden hermetischen Terrorismus" nennt) kommen daher, daß wir auch auf diesem Gebiet im Mittelpunkt stehen, an der undeutlichen Grenze, wo der überaus komplexe Kampf zwischen der von der Macht zwangsverwalteten Sprache (Konditionierung) und der befreiten Sprache (Poesie) ausgefochten wird. Demjenigen, der uns mit einem Schritt Verspätung folgt, ziehen wir den vor, der uns aus Ungeduld von sich weist, weil unsere Sprache noch nicht die authentische Poesie ist, d.h. die freie Konstruktion des alltäglichen Lebens.
Alles, was das Denken berührt, berührt auch das Spektakel. Die meisten Menschen leben in dem von der Macht geschickt aufrechterhaltenen Schrecken vor dem Erwachen zu sich selbst. Der Einfluß, den die Konditionierung -die spezielle Poesie der Macht - ausübt (die gesamte, vorhandene materielle Ausstattung gehört dazu: Presse, Fernsehen, stereotype Redensarten, Magie, Tradition, Ökonomie, Technik usw., also das, was wir die zwangsverwaltete Sprache nennen), geht so weit, daß es ihm fast gelingt, das aufzulösen, was Marx den nicht-beherrschten Sektor nannte, um ihn durch einen anderen zu ersetzen (siehe weiter unten das Phantombild des "Überlebenden"). Das Erlebte läßt sich aber nicht so leicht auf eine Folge leerer Abbildungen reduzieren. Der Widerstand gegen die von außen gesteuerte Organisation des Lebens - d.h. die Organisation des Lebens als eines Überlebens - enthält mehr Poesie als alles, was je in Prosa oder in Versen veröffentlicht wurde, und der Poet im literarischen Sinne des Wortes ist derjenige, der das wenigstens verstanden oder empfunden hat. Eine solche Poesie schwebt allerdings in großer Gefahr. Im situationistischen Sinne ist diese Poesie zwar unreduzierbar und kann durch die Macht nicht rekuperiert werden (sobald eine Geste rekuperiert wird, wird sie stereotyp - Konditionierung, Sprache der Macht), sie ist trotzdem von der Macht umzingelt. Durch die Isolierung umzingelt die Macht das Unreduzierbare und hält es fest; und in der Isolierung ist man nicht lebensfähig. Die beiden Schneiden dieser Zange heißen einerseits: Gefahr des Zerfalls (Wahnsinn, Krankheit, Stadtstreicherdasein, Selbstmord) und andererseits: femgesteuerte Therapien (leere Kommunikation, Zusammenhalt innerhalb der Familie oder der Freundschaft, Psychoanalyse zu Diensten der Entfremdung, ärztliche Behandlung, Arbeitstherapie); wobei erstere den Tod und letztere das bloße Überleben ermöglichen. Früher oder später muß sich die S.I. als eine Therapeutik definieren: Wir sind bereit, die von allen gemachte Poesie gegen die falsche, allein von der Macht geschaffene (die Konditionierung) zu verteidigen. Es ist wichtig, daß Ärzte und Psychoanalytiker das auch. verstehen, wenn sie nicht eines Tages zusammen mit den Architekten und sonstigen Überlebensaposteln unter den Konsequenzen ihrer Taten leiden wollen.
 
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Alle nicht gelösten und nicht aufgehobenen Antagonismen werden schwächer. Sie können sich nur dann entwickeln, wenn sie in alten, nicht aufgehobenen Formen gefangen bleiben - wie z.B. die anti-kulturelle Kunst innerhalb des kulturellen Spektakels. Jede radikale Opposition, die nicht oder nur teilweise gesiegt hat - was dasselbe bedeutet -, verkümmert allmählich zur reformistischen Opposition. Die parzellierten Oppositionen sind wie Zähne eines Zahnrades: Sie verzahnen sich ineinander und treiben die Maschine - die des Spektakels und der Macht - weiter.
Der Mythos hielt alle Antagonismen im Archetyp des Manichäismus aufrecht. Wo ist der Archetyp in einer parzellierten Gesellschaft zu finden? Tatsächlich erscheint heute die Erinnerung an die alten Antagonismen, wahrgenommen in ihrer offensichtlich entwerteten und nicht aggressiven Form als die letzte Bemühung um eine Kohärenz in der Organisation des Scheins, so sehr ist das Spektakel zum Spektakel der Konfusion und Äquivalenz geworden. Wir sind bereit, jede Spur dieser Erinnerungen auszulöschen, indem wir in einem nicht mehr fernen, radikalen Kampf die gesamte Energie sammeln, die in den alten Antagonismen enthalten ist. Aus allen von der Macht vermauerten Quellen kann ein Fluß entspringen, der das Relief der Erde verändern wird.
Als eine Karikatur der Antagonismen nötigt die Macht jeden, für oder gegen Brigitte Bardot, den "Neuen Roman", den Citroen 4 CV, Spaghetti, Meskal, kurze Röcke, die UNO, die humanistische Bildung, die Verstaatlichung, den thermonuklearen Krieg und das Trampen zu sein. Alle werden nach ihrer Meinung über alle Einzelheiten gefragt, um ihnen leichter zu verbieten, eine Meinung über die Totalität zu haben. Wie plump es auch sein mag, das Manöver könnte doch Erfolg haben, wenn nicht die Handelsreisenden selbst, die damit beauftragt sind, es von Haus zu Haus zu tragen, auf den Gedanken ihrer eigenen Entfremdung kämen. Zu der Passivität, die den enteigneten Massen aufgezwungen wird, kommt noch die wachsende Passivität der Herrschenden und Akteure hinzu, die den abstrakten Gesetzen des Marktes und des Spektakels unterworfen sind und eine stetig abnehmende reale Macht über die Welt genießen. Schon zeigen sich die Zeichen einer Revolte bei den Schauspielern, bei Stars, die der Werbung zu entgehen versuchen, oder bei Herrschenden, die ihre eigene Macht kritisieren: Brigitte Bardot oder Fidel Castro. Die Instrumente der Macht nutzen sich ab; man kann insoweit mit ihnen rechnen, wie sie keine Instrumente mehr sein wollen und einen Status als freie Wesen verlangen.
 
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Als die Revolte der Sklaven drohte, die Struktur der Macht zu erschüttern und das zu entlarven, was die verschiedenen Transzendenzen mit dem Mechanismus der enteignenden Aneignung verband, trat das Christentum auf den Plan, um einen Reformismus großen Stils zu entwickeln, dessen demokratische Hauptforderung darin bestand, den Sklaven nicht einmal den Zugang zur Wirklichkeit eines menschlichen Lebens zu lassen - was unmöglich gewesen wäre, ohne die Aneignung in ihrer Bewegung der Ausschließung zu entlarven -, wohl aber zur Unwirklichkeit einer Existenz, deren Glücksquelle mythisch ist (die Imitation von Jesus Christus als Preis fürs Jenseits). Was hat sich verändert? Aus der Erwartung des Jenseits ist die einer glücklichen Zukunft geworden: das Opfer des wirklichen und unmittelbaren Lebens ist der Kaufpreis, der für die illusorische Freiheit eines Scheinlebens bezahlt werden muß. Das Spektakel ist der Ort, wo sich die Zwangsarbeit in ein akzeptiertes Opfer verwandelt. Nichts kann verdächtiger sein als die Formel: "Jedem nach seiner Arbeit" in einer Welt, in der die Arbeit eine Erpressung zum Überlebens ist; geschweige denn die Formel: "Jedem nach seinen Bedürfnissen" in einer Welt, in der die Bedürfnisse von der Macht bestimmt werden. Jede Konstruktion, die sich auf autonome -und folglich partielle - Weise definieren will und nicht berücksichtigt, daß sie faktisch durch die Negativität definiert wird, in der alles schwebt, ist ein Bestandteil des reformistischen Projekts. Sie gibt vor, auf Treibsand genauso gut landen zu können wie auf einer Betonbahn. Die Verachtung und Verkennung des durch die hierarchisierte Macht festgesetzten Zusammenhangs führt nur zur Verstärkung dieses Zusammenhangs. Hingegen müssen die spontanen Gesten, die überall vor unseren Augen gegen die Macht und ihr Spektakel entworfen werden, vor allen Hindernissen gewarnt werden und eine Taktik entwickeln, die die Kraft des Gegners und seiner Rekuperationsmöglichkeiten berücksichtigt. Diese Taktik, die wir popularisieren wollen, ist die Zweckentfremdung.
 
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Ohne Belohnung ist das Opfer nicht denkbar. Für ihr wirkliches Opfer bekommen die Arbeiter die Instrumente ihrer Befreiung (Komfort, Gadgets), es handelt sich dabei aber um eine rein fiktive Befreiung, da die Macht zum einen die Gebrauchsanweisung für die gesamte materielle Ausstattung besitzt und zum anderen die Instrumente und ihre Benutzer zu ihren eigenen Zwecken einsetzt. Die christlichen und die bürgerlichen Revolutionen haben das mythische Opfer - das "Opfer des Herren" -demokratisiert. Heute gibt es unzählige Initiierte, die Machtkrümel aufpicken, indem sie die Totalität ihres partiellen Wissens in den Dienst aller stellen. Sie werden nicht mehr "Initiierte" und noch nicht "Priester des Logos", sondern einfach Spezialisten genannt.
Auf der Ebene des Spektakels ist ihre Macht unbestreitbar: Der Kandidat beim "Quiz" und der Postbeamte, der tagelang ausführlich die mechanischen Raffinessen seines 2 CV erklärt, identifizieren sich beide mit dem Spezialisten, und es ist bekannt, wie sehr die Produktionsleiter Nutzen aus solchen Identifizierungen ziehen, um die Facharbeiter zu zähmen. Die wirkliche Aufgabe der Technokraten würde vor allem darin bestehen, den Logos zu vereinheitlichen, wären sie nicht durch einen der Widersprüche der parzellierten Macht auf eine lächerliche Isolierung beschränkt. Durch ihre gegenseitigen Wechselwirkungen entfremdet, kennen sie nur das Ganze eines Fragments, und jede Verwirklichung muß ihnen entgehen. Welche wirkliche Kontrolle können der Atomtechniker, der Stratege, der politische Spezialist usw. über eine Nuklearwaffe ausüben? Von welcher absoluten Kontrolle kann die Macht hoffen, daß sie ihr alle Gesten unterwirft, die gegen sie stehen? Die Schauspieler auf der Bühne sind so zahlreich, daß nur das Chaos sie beherrscht. "Die Ordnung herrscht, aber sie regiert nicht" (Siehe Editorische Notizen, S.I. Nr. 6).
Insofern der Spezialist an der Ausarbeitung der Instrumente teilhat, die die Welt konditionieren und umgestalten, bringt er die Revolte der Privilegierten in Gang. Bisher hieß eine solche Revolte Faschismus. Es ist vor allem eine Opernrevolte - hatte nicht schon Nietzsche in Wagner einen Wegbereiter gesehen? -, in der die lange Zeit zurückgesetzten oder sich immer weniger frei fühlenden Schauspieler plötzlich die Hauptrollen verlangen. Von einem klinischen Standpunkt aus ist der Faschismus die bis zum Paroxysmus getriebene Hysterie der Welt des Spektakels. In diesem Paroxysmus festigt das Spektakel vorübergehend seine Einheit und enthüllt gleichzeitig seine radikale Unmenschlichkeit. Durch den Faschismus und den Stalinismus, die seine romantischen Krisen sind, enthüllt das Spektakel seine wahre Natur: Es ist eine Krankheit.
Wir werden durch das Spektakel zu Süchtigen. Nun sind alle Elemente einer Entziehungskur (d.h. unser eigenes, alltägliches Leben aufzubauen) in den Händen von Spezialisten. Diese sind also alle von größtem Interesse für uns - wenn auch von verschiedenen Standpunkten aus. So gibt es hoffnungslose Fälle: Wir wollen z.B. nicht versuchen, den Spezialisten der Macht, den Herrschenden, das Ausmaß ihres Wahnsinns zu zeigen. Wir sind dagegen bereit, den Groll der in einer engen, lächerlichen oder entehrenden Rolle gefangenen Spezialisten zu berücksichtigen. Man wird uns trotzdem gestatten müssen, daß unsere Geduld nicht grenzenlos ist. Sollten sie sich, unseren Bemühungen zum Trotz, darauf versteifen, ihr schlechtes Gewissen und ihre Verbitterung in den Dienst der Macht zu stellen und die ihr eigenes alltägliches Leben kolonisierende Konditionierung weiterhin zu betreiben; sollten sie der echten Verwirklichung eine illusorische Repräsentation in der Hierarchie vorziehen; sollten sie weiterhin mit ihrem Spezialgebiet protzen (ihrer Malerei, ihren Romanen, ihren Gleichungen, ihrer Soziometrie, ihrer Psychoanalyse, ihren Kenntnissen der Ballistik usw.); sollten sie schließlich, obwohl sie genau wissen - und in Kürze werden sie es nicht mehr ignorieren dürfen -, daß allein die S.I. und die Macht die Gebrauchsanweisung zu ihrem Spezialgebiet besitzen, trotzdem den Dienst für die Macht wählen, weil die Macht sie aufgrund ihrer Trägheit bisher als ihre Diener gewählt hat, -dann mögen sie verrecken! Großzügiger kann man nicht sein. Mögen sie das verstehen, und mögen sie vor allem verstehen, daß die Revolte der nicht herrschenden Schauspieler von nun an mit der Revolte gegen das Spektakel verbunden ist (siehe dazu die S.I. und die Macht).
 
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Das Lumpenproletariat wurde so allgemein mit dem Bann belegt, weil die Bourgeoisie es nicht nur als Machtregulator, sondern auch für die Rekrutierung fragwürdiger Ordnungskräfte benutzte: Bullen, Spitzel, Söldner, Künstler ... Und doch ist die Kritik der Gesellschaft der Arbeit latent in einem bemerkenswert radikalen Grad im Lumpenproletariat vorhanden. Die Verachtung, die es öffentlich gegenüber Lakaien und Bossen bekundet, enthält eine gültige Kritik der Arbeit als Entfremdung, die bisher nicht nur unbeachtet blieb, weil das Lumpenproletariat ein Sammelbecken der Zweideutigkeiten war, sondern auch weil der Kampf gegen die natürliche Entfremdung und die Produktion des Wohlstands im XIX. und am Anfang des XX. Jahrhunderts immer noch berechtigte Vorwände zu sein schienen.
Ist einmal erkannt, daß der Überfluß an Konsumgütem nur die andere Seite der Entfremdung in der Produktion ist, gewinnt das Lumpenproletariat eine neue Dimension: Es hält nicht zurück mit seiner Verachtung für die organisierte Arbeit, die im Zeitalter des Wohlfahrtsstaates nach und nach zu einer schwerwiegenden Forderung wird, der nur noch die Herrschenden ihre Anerkennung verweigern. Trotz der Rekuperationsversuche, mit denen die Macht es belastet, nimmt zur Zeit jedes Experiment mit dem alltäglichen Leben, d.h. also mit seiner Konstruktion (ein illegaler Schritt seit der Zerstörung der Feudalherrschaft, in der er exklusiv für einige wenige reserviert war), in der Kritik an der entfremdenden Arbeit und in der Weigerung, sich der Zwangsarbeit zu fügen, eine konkrete Form an. So daß das neue Proletariat dahin tendiert, sich negativ als eine "Front gegen die Zwangsarbeit" zu definieren, in der alle zusammenkommen, die der Rekuperation durch die Macht Widerstand leisten. Das definiert unseren Wirkungskreis - den Raum, in dem wir die List der Geschichte gegen die List der Macht einsetzen wollen; den Ring, in dem wir auf den Arbeiter (den Metallarbeiter oder den Künstler) setzen, der - bewußt oder unbewußt - die organisierte Arbeit und das organisierte Leben ablehnt, im Gegensatz zu dem, der es -bewußt oder unbewußt - akzeptiert, unter dem Befehl der Macht zu arbeiten. In einer solchen Perspektive ist es nicht willkürlich, eine Übergangsperiode vorauszusehen, in der die Automation und der Wille des neuen Proletariats die Arbeit den einzigen Spezialisten überlassen werden, indem sie Manager und Bürokraten vorübergehend zu Sklaven degradieren. In einer generalisierten Automation könnten die "Arbeiter", anstatt die Maschinen zu überwachen, sich mit Sorgfalt um die kybernetischen Spezialisten kümmern, deren einfache, beschränkte Rolle es wäre, eine Produktion zu steigern, die aufgehört hat, vorrangiger Sektor zu sein: sie würde damit - entsprechend der Umkehrung der Kräfteverhältnisse und der Perspektive - dem Vorrang des Lebens vor dem Überleben gehorchen.
 
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Die einheitliche Macht war darum bemüht, die individuelle Existenz in einem kollektiven Bewußtsein aufzulösen, so daß jede soziale Einheit subjektiv als ein gewichtiges und genau bestimmtes, in einer öligen Flüssigkeit schwimmendes Teilchen definiert werden konnte. Jeder einzelne mußte sich als in diese Evidenz getaucht empfinden, daß allein Gottes Hand, die das Gefäß schüttelt, das Ganze zu ihren Zwecken verwendet, die natürlich jenseits des Verständnisses jedes einzelnen menschlichen Wesens sich jedesmal als der Ausdruck eines höchsten Willens aufdrängten und selbst der geringsten Veränderung ihren Sinn verliehen. (Jeder Wirbel konnte übrigens nur ein auf- und absteigender Weg zur Harmonie sein: die vier Reiche, das Glücksrad, die von den Göttern geschickten Prüfungen). Von einem kollektiven Bewußtsein kann man insofern sprechen, als es gleichzeitig für jedes Individuum und für alle galt - das Bewußtsein des Mythos und das Bewußtsein der besonderen Existenz innerhalb des Mythos. Die Illusion ist so mächtig, daß das authentisch erlebte Leben dem seinen Sinn entlehnt, was es nicht ist; daher die klerikale Verdammung des Lebens, das auf bloße Zufälligkeit, lumpige Materialität, eitlen Schein und die niedrigste Stufe einer Transzendenz reduziert wird, die um so stärker verblaßt, je mehr sie der mythischen Organisation entgeht.
Gott bürgte für den Raum und die Zeit, deren Koordinaten die einheitliche Gesellschaft definierten. Er war der allen Menschen gemeinsame Bezugspunkt; in ihm trafen Raum und Zeit zusammen, so wie die Wesen sich in ihm mit ihrem Schicksal vereinigten. Im Zeitalter der Parzellierung bleibt der Mensch zwischen einem Raum und einer Zeit hin- und hergerissen, die keine Transzendenz durch Vermittlung einer zentralisierten Macht vereinigt. Wir leben in einer abgespalteten Raum-Zeit ohne Bezugspunkt oder Koordinaten, so als ob wir nie den Kontakt mit uns selbst herstellen würden, obwohl uns alles dazu auffordert.
Es gibt einen Raum, in dem man sich selbst schafft, und eine Zeit, in der man sich selbst ausspielt. Der Raum des alltäglichen Lebens, in dem man sich wirklich verwirklicht, wird von Konditionierungen jeder Art umzingelt. Der enge Raum unserer effektiven Verwirklichung definiert uns, und doch definieren wir uns in der Zeit des Spektakels. Mit anderen Worten: unser Bewußtsein ist weder ein Bewußtsein des Mythos noch des besonderen Seins im Mythos, sondern ein Bewußtsein des Spektakels und der besonderen Rolle im Spektakel (ich habe bereits auf die Zusammenhänge jeder Ontotogie mit einer einheitlichen Macht aufmerksam gemacht, man könnte aber hier daran erinnern, daß die Krise der Ontologie mit der Tendenz zur Parzellierung zutagetritt). Oder noch anders gesagt: in dem Raum-Zeit-Verhältnis, in dem sich jedes Wesen und jedes Ding befinden, ist die Zeit zum Imaginären geworden (dem Feld der Identifikationen); der Raum definiert uns, obwohl wir uns im Imaginären definieren und obwohl das Imaginäre uns als Subjektivität definiert.
Unsere Freiheit ist diejenige einer abstrakten Zeitlichkeit, in der wir in der Sprache der Macht benannt werden (wobei die Namen die uns zugewiesenen Rollen sind). Uns bleibt die Wahl, Synonyme zu finden, die offiziell als solche anerkannt sind. Dagegen herrscht über den Raum unserer authentischen Verwirklichung - den Raum unseres alltäglichen Lebens - das Schweigen. Es gibt keinen Namen, um den Raum des Erlebten zu benennen - außer in der Poesie, in der Sprache, die sich von der Herrschaft der Macht befreit.
 
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Indem die Bourgeoisie den Mythos entheiligt und parzelliert hat, stellte sie die Unabhängigkeit des Bewußtseins an die erste Stelle ihrer Forderungen (vgl. die Forderungen der Gedanken-, Presse- und Forschungsfreiheit, die Ablehnung der Dogmen). Das Bewußtsein hört also auf, mehr oder weniger Widerspiegelung des Mythos zu sein. Es wird zum Bewußtsein der im Spektakel nacheinander gespielten Rollen. Vor allem verlangte die Bourgeoisie die Freiheit für die Schauspieler und Statisten eines Spektakels, das nicht mehr von Gott und seinen Bullen und Priestern, sondern durch die Gesetze der Natur und der Ökonomie organisiert wird - "launische und unerbittliche Gesetze", in deren Dienst wir wieder einmal Bullen und Spezialisten finden.
Gott ist wie ein unnützer Verband abgerissen worden und die Wunde blieb offen. Zwar hinderte der Verband die Wunde daran zu vernarben, aber es rechtfertigte das Leiden, indem es ihm einen Sinn verlieh, der einige Morphiumspritzen wert war. Jetzt kann das Leiden nicht mehr gerechtfertigt werden, und Morphium ist teuer. Die Trennung ist konkret geworden. Der erste Beste kann seinen Finger hineinstecken und das einzige Rezept der kybernetischen Gesellschaft schlägt vor, Zuschauer des Krebsgeschwürs und des Verfaulens, Zuschauer des Überlebens zu werden.
Das Drama des Bewußtseins, von dem Hegel spricht, ist vielmehr das Bewußtsein des Dramas. Die Romantik klingt wie der Schrei der aus dem Körper herausgerissenen Seele -ein um so heftigeres Leiden, als jeder sich isoliert wiederfindet, um dem Fall der geheiligten Totalität und aller Häuser Usher die Stirn zu bieten.
 
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Die Totalität ist die objektive Wirklichkeit, in deren Bewegung die Subjektivität sich nur in der Form der Verwirklichung einfügen kann. Alles, was mit der Verwirklichung des alltäglichen Lebens nichts zu tun hat, vereinigt sich mit dem Spektakel, in dem das Überleben eingefroren (Winterschlaf) und scheibenweise kleingehackt wird. Eine authentische Verwirklichung kann es nur in der objektiven Wirklichkeit, in der Totalität geben. Alles Übrige ist Karikatur. Eine objektive Verwirklichung, die sich im Mechanismus des Spektakels entfaltet, ist nur der Erfolg von durch die Macht manipulierten Objekten (es ist die "objektive Verwirklichung in der Subjektivität" von bekannten Künstlern, Stars, "Who's who"-Persönlichkeiten). Auf der Ebene der Organisation des Scheins wird jeder Erfolg - und ebenfalls jeder Mißerfolg - so weit aufgebläht, daß er stereotyp wird, und durch die Medien so verbreitet, als ob es sich um den einzig möglichen Erfolg bzw. Mißerfolg handelte. Bisher ist die Macht als einziger Richter aufgetreten, obwohl ihr Urteil unter Druck gefällt wird. Ihre Kriterien sind die einzig gültigen für diejenigen, die das Spektakel akzeptieren und sich damit zufrieden geben, in ihm eine Rolle zu spielen. Auf dieser Bühne gibt es keine Künstler mehr, sondern nur noch Statisten.
 
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Die Raum-Zeit des privaten Lebens wurde innerhalb der Raum-Zeit des Mythos harmonisch. Auf diese pervertierte Harmonie antwortete Fourier mit seiner universellen Harmonie. Sobald der Mythos aufhört, das Individuelle und das Partielle in einer durch das Heilige beherrschten Totalität zusammenzufassen, erhebt sich jedes Fragment zur Totalität. Tatsächlich ist das zur Totalität erhobene Fragment das Totalitäre. In der abgetrennten Raum-Zeit, die das Privatleben ausmacht, festigt die in der Art der abstrakten Freiheit (eben der des Spektakels) verabsolutierte Zeit durch ihre Abtrennung selbst das räumliche Absolute des Privatlebens, dessen Isoliertheit und Enge. Der Mechanismus des entfremdenden Spektakels entwickelt eine solche Kraft, daß schließlich sogar das Privatleben als das definiert wird, was des Spektakels beraubt ist; daß man dort den spektakulären Kategorien und den Rollen entgeht, wird also als eine zusätzliche Beraubung empfunden und als ein Unbehagen, das die Macht zum Vorwand nimmt, um das Alltägliche auf belanglose Gesten zu reduzieren - sich setzen, sich waschen, eine Tür öffnen.
 
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Das Spektakel, das dem Erlebten seine Normen aufzwingt, entspringt dem Erlebten. Die Zeit des Spektakels, die in den aufeinanderfolgenden Rollen erlebt wird, macht den Raum des authentisch Erlebten zum Ort der objektiven Ohnmacht, während die objektive Ohnmacht, die durch die Konditionierung der enteignenden Aneignung bedingt ist, gleichzeitig das Spektakel zum Absoluten der virtuellen Freiheit macht.
Die aus dem Erlebten hervorgegangenen Elemente werden nur auf der Ebene des Spektakels erkannt, und kommen dort als Stereotype zum Ausdruck, während eine solche Ausdrucksform im authentisch Erlebten und durch das authentisch Erlebte selbst ständig in Frage gestellt und widerlegt wird. Das Phantombild der Überlebenden - die Nietzsche die "kleinen" oder die "letzten" Menschen nannte - kann nur innerhalb der Dialektik vom Möglichen und Unmöglichen folgendermaßen verstanden werden:
a) das auf der Ebene des Spektakels Mögliche (die Vielfalt der abstrakten Rollen) verstärkt das Unmögliche auf der Ebene des authentisch Erlebten;
b) das Unmögliche - d.h. die dem authentisch Erlebten durch die enteignende Aneignung aufgezwungenen Beschränkungen -bestimmt das Feld des abstrakt Möglichen.
Das Überleben hat zwei Dimensionen. Welches sind gegenüber einer solchen Reduzierung die Kräfte, die den Akzent auf das legen können, was das alltägliche Problem aller Menschen ist: die Dialektik von Überleben und Leben? Entweder werden genau die Kräfte, auf die die S.I. gerechnet hat, die Aufhebung dieser Gegensätze ermöglichen und Raum und Zeit in der Konstruktion des alltäglichen Lebens vereinigen, oder Leben und Überleben werden sich in einem entschärften Antagonismus bis zur letzten Konfusion und Armut verhärten.
 
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Die erlebte Wirklichkeit wird parzelliert und auf spektakuläre Weise in Kategorien - biologische, soziologische oder sonstige - eingeordnet, die zwar zum Bereich des Mitteilbaren gehören, aber immer wieder nur ihres authentisch erlebten Inhalts entleerte Fakten mitteilen. Darin erweist sich die hierarchisierte Macht, die jeden in dem objektiven Mechanismus der enteignenden Aneignung - Aufnahme und Ausschluß, vgl. These 3 - gefangenhält, auch als eine Diktatur über die Subjektivität. Als diktatorische Herrscherin über die Subjektivität zwingt sie mit begrenzten Erfolgschancen jede individuelle Subjektivität dazu, sich zu objektivieren - d.h. zu einem Objekt zu werden, das sie manipulieren kann. Darin liegt eine äußerst interessante Dialektik, die eigentlich noch näher analysiert werden müßte (siehe die objektive Verwirklichung in der Subjektivität - diejenige der Macht - und die objektive Verwirklichung in der Objektivität - die an der Praxis einer Konstruktion des alltäglichen Lebens und einer der Zerstörung der Macht teilhat).
Nun werden die Tatsachen ihres Inhalts beraubt im Namen der Mitteilung, im Namen einer abstrakten Universalität und einer pervertierten Harmonie, in der jeder sich umgekehrt verwirklicht. In einer solchen Perspektive befindet sich die S.I. auf der Linie des Protests, die de Sade, Fourier, Lewis Caroll, Lautreamont, den Surrealismus und den Lettrismus (zumindest in seinen am wenigsten bekannten Strömungen, die auch die extremsten wurden) verbindet.
In einem zur Totalität erhobenen Fragment ist jedes Teilchen selbst totalitär. Der Individualismus hat die Sensibilität, die Begierde, den Willen, die Intelligenz, den Geschmack, das Unbewußte und alle Kategorien des Ichs als absolute behandelt. Heute bereichert die Soziologie die psychologischen Kategorien, aber die damit in die Rollen eingeführte Vielfältigkeit verstärkt nur noch mehr die Monotonie des Identifizierungsreflexes. Die Freiheit des "Überlebenden" wird darin bestehen, den abstrakten Bestandteil zu übernehmen, auf den sich zu reduzieren er "gewählt" hat. Ist einmal jede wirkliche Verwirklichung beseitigt, so bleibt nur eine psychosoziologische Dramaturgie übrig, bei der die Innerlichkeit als Überlauf für die Ausleerung der Hüllen gebraucht wird, in die man sich für die alltägliche Zurschaustellung kleidet. Das Überleben wird das höchste Stadium des Lebens, das sich als eine mechanisch reproduzierte Erinnerung organisiert.
 
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Bisher wurde der Zugang zur Totalität verfälscht. Die Macht schaltet sich parasitär als eine unerläßliche Vermittlung zwischen die Menschen und die Natur. Nun wird aber die Beziehung zwischen Mensch und Natur allein durch eine Praxis begründet, die unaufhörlich die Schicht von Lügen bricht, deren Kohärenz der Mythos und seine Nachfolger zu behaupten versuchen. Die Praxis hält, auch wenn sie entfremdet ist, den Kontakt mit der Totalität aufrecht. Indem sie ihren fragmentarischen Charakter offenbart, bringt die Praxis gleichzeitig die wirkliche Totalität (die Wirklichkeit) an den Tag: sie ist die Totalität, die sich durch ihren Gegensatz - das Fragment - verwirklicht.
In der Perspektive der Praxis ist jedes Fragment Totalität. In der Perspektive der Macht, die die Praxis entfremdet, ist jedes Fragment totalitär. Das sollte genügen, um die zukünftigen Bemühungen der kybernetischen Macht, die Praxis in einer Mystik zusammenzufassen, zu sprengen, obwohl diese Bemühungen nicht unterschätzt werden dürfen.
Alles, was Praxis ist, gehört zu unserem Projekt und zwar mit seinem Anteil an Entfremdung und mit dem Schmutz der Macht - wir sind aber imstande zu filtern. Wir werden die Kraft und Reinheit sowohl der Verweigerungsgesten als auch der Unterwerfungsmanöver ans helle Licht bringen, nicht aufgrund einer manichäischen Auffassung, sondern durch die Weiterentwicklung unserer eigenen Strategie in diesem Kampf, in dem die Gegner überall und jederzeit den Kontakt suchen und ohne Methode aneinandergeraten, umgeben von einer Dunkelheit und Unsicherheit, gegen die es kein Heilmittel gibt.
 
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Das alltägliche Leben ist immer wieder zugunsten des scheinbaren Lebens entleert worden, aber der Schein war in seinem mythischen Zusammenhang so kräftig, daß nie vom alltäglichen Leben gesprochen werden mußte. Die Armut und Leere des Spektakels, die durch alle Varianten des Kapitalismus und der Bourgeoisie hindurchscheinen, haben gleichzeitig die Existenz eines alltäglichen Lebens (eines Lebens als Zuflucht - aber wovor und wogegen?) und die Armut des alltäglichen Lebens ans Licht gebracht. In dem Maße, wie sich Verdinglichung und Bürokratisierung verstärken, wird die Schwachsinnigkeit des Spektakels und des alltäglichen Lebens zur einzigen Evidenz. Auch der Konflikt des Menschlichen und des Unmenschlichen ist auf die Ebene des Scheins übergegangen. Sobald der Marxismus zur Ideologie wird, verwandelt sich der von Marx im Namen eines reichen Lebens gegen die Ideologie geführte Kampf zu einer ideologischen Anti-Ideologie, zu einem Spektakel des Anti-Spektakels (so wie das Unglück des anti-spektakulären Spektakels der Avantgardekultur darin besteht, nur unter den Schauspielern zu bleiben, da die anti-künstlerische Kunst nur von Künstlern gemacht und von Künstlern verstanden wird; man sollte das Verhältnis dieser ideologischen Anti-Ideologie zur Funktion des Berufsrevolutionärs im Leninismus überprüfen). Dadurch wurde der Manichäismus für einige Zeit wiederbelebt. Warum bekämpfte Sankt Augustin die Manichäer mit so großer Heftigkeit? Gerade weil er die Gefahr eines Mythos einschätzen konnte, der eine einzige Lösung anbietet - den Sieg des Guten über das Böse; dabei weiß er, daß eine solche Unmöglichkeit zum Zusammenbruch der gesamten mythischen Strukturen führen und den Widerspruch zwischen mythischem und authentischem Leben wieder in den Vordergrund stellen kann. Den dritten Weg bietet das Christentum an - den der heiligen Konfusion. Was das Christentum durch den Zwang des Mythos vollbracht hat, besorgt heute der Sachzwang. Zwischen den sowjetisierten und den kapitalisierten Arbeitern ist kein Antagonismus mehr möglich, ebenso zwischen der Bombe der stalinistischen und der nicht-stalinistischen Bürokraten - es gibt nur die einheitliche Konfusion der verdinglichten Menschen.
Wo sind die Verantwortlichen, diejenigen, die niederzuschießen sind? Ein System, eine abstrakte Form beherrscht uns. Der Grad der Menschlichkeit und Unmenschlichkeit wird nach rein quantitativen Variationen der Passivität gemessen. Die Qualität ist überall dieselbe: Wir sind alle proletarisiert oder sind dabei, es zu werden. Was tun die traditionellen "Revolutionäre"? Sie verkleinern die Stufen, so daß alle Proletarier genau gleich proletarisiert sind. Welche Partei hat das Ende des Proletariats in ihrem Programm?
Die Perspektive eines Überlebens ist unerträglich geworden. Was wir ertragen, ist das Gewicht der Dinge in der Leere. Die Verdinglichung ist nichts anderes - alle Wesen und Dinge fallen mit gleicher Geschwindigkeit, alle Wesen und Dinge tragen ihren gleichen Wen wie einen Makel. Die Herrschaft der Gleichwenigkeit hat zwar das christliche Projekt verwirklicht, aber außerhalb des Christentums (wie Pascal es vermutete) und vor allem auf Gottes Leichnam (im Gegensatz zu Pascals Voraussicht).
Spektakel und alltägliches Leben koexistieren unter der Herrschaft der Gleichwenigkeit. Wesen und Dinge sind austauschbar. Die Welt der Verdinglichung ist eine Welt ohne Zentrum, wie die neuen Städte, die deren Szenerie bilden. Die Gegenwart tritt vor dem Versprechen einer ewigen Zukunft zurück, die nur die mechanische Fortsetzung der Vergangenheit ist. Die Zeitlichkeit selbst hat kein Zentrum mehr. In diesem KZ-Universum, in der Opfer und Folterknechte dieselbe Maske tragen, ist allein die Wirklichkeit der Folter authentisch. Diese Folter kann keine neue Ideologie lindem - weder die der Totalität (der Logos) noch die des Nihilismus, die die kybernetische Gesellschaft als Krücken brauchen wird. Sie ist der Fluch jeder hierarchisierten Macht, wie gut verdeckt und organisiert sie auch sein mag. Der Antagonismus, den die S.L jetzt erneuern will, ist der älteste, den es gibt - es ist der radikale Antagonismus, und aus diesem Grund nimmt er all das wieder auf, was die Aufstandsbewegungen oder die großen Individualitäten im Laufe der Geschichte aufgegeben haben.
 
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Noch viele andere Banalitäten wären zu überprüfen und umzukehren. Die besten Sachen sind nie zuende. Bevor man das Vorhergehende noch einmal durchliest, das auch ein mittelmäßiger Kopf beim dritten Versuch verstehen kann, sollte man den folgenden Text mit um so größerer Aufmerksamkeit lesen, da dieser, wie die anderen fragmentarischen Notizen auch, Diskussionen und Berichtigungen verlangt. Es geht dabei um eine zentrale Frage - die der S.I. und der revolutionären Macht.
Wenn die S.I. gleichzeitig die Krise der Massenparteien und der "Eliten" überdenkt, muß sie sich als Aufhebung des bolschewistischen ZK's (Aufhebung der Massenpartei) und des Projekts von Nietzsche (Aufhebung der Intelligenzija) definieren.
a) Jedesmal, wenn eine Macht sich als Führung eines revolutionären Willens ausgab, hat sie die Macht der Revolution von vornherein unterminiert. Das bolschewistische ZK wurde gleichzeitig als Konzentration und als Repräsentation definiert: Konzentration einer Macht als Antagonismus zur bürgerlichen Macht und Repräsentation des Willens der Massen. Aufgrund dieses Doppelcharakters konnte das ZK bald nichts anderes als eine ausgehöhlte Macht sein - eine Macht der leeren Repräsentation - und mußte später in einer gemeinsamen Form (der Bürokratie) mit der bürgerlichen Macht zusammenkommen, die durch seinen Druck eine ähnliche Entwicklung durchmachen mußte. Die Bedingungen einer konzentrierten Macht und einer Repräsentation der Massen sind in der S.I. potentiell vorhanden, wenn sie darauf aufmerksam macht, daß sie das Qualitative in Händen hält und daß ihre Ideen in den Köpfen aller sind. Allerdings lehnen wir gleichzeitig Machtkonzentration und Repräsentationsrecht ab; uns ist bewußt, daß wir von diesem Augenblick an die einzige öffentliche Hallung einnehmen (denn wir können nicht vermeiden, uns bis zu einem gewissen Grad spektakulär bekanntzumachen), die denjenigen, die sich in unseren theoretischen und praktischen Positionen wiedererkennen, die revolutionäre Macht geben kann - eine Macht ohne Vermittlung, eine Macht, die die direkte Aktion aller enthält. Das Leitbild dafür wäre die Kolonne Durruti, die von Stadt zu Dorf marschiert, die bürgerlichen Elemente liquidiert und es den Arbeitern überträgt, sich selbst zu organisieren.
b) Die Intelligenz ist der Spiegelsaal der Macht. Im Protest gegen die Macht bietet sie niemals etwas anderes an als kathartische Identifizierungen mit der Passivität derer, die mit jeder Geste einen wirklichen Protest entwerfen. Der Radikalismus - selbstverständlich der der Geste und nicht der der Theorie -, der in der "Erklärung der 121" zum Vorschein kam, hat doch auf einige andere Möglichkeiten hingewiesen. Wir sind fähig, diese Krise zu beschleunigen, wir können es aber nur, wenn wir als eine Macht in die Intelligenz (und gegen sie) eindringen. Diese Phase (die der in Punkt a beschriebenen vorangehen und dann von ihr aufgenommen werden muß) wird uns in die Perspektive von Nietzsches Projekt stellen. Wir werden tatsächlich eine kleine experimentelle, quasi alchimistische Gruppe bilden, in der die Verwirklichung des totalen Menschen in Angriff genommen wird. Ein solches Unternehmen versteht Nietzsche nur im Rahmen des hierarchischen Prinzips. Nun werden wir uns aber praktisch in genau diesem Rahmen befinden. Es wird uns also sehr viel daran liegen, daß wir ohne die geringste Zweideutigkeit auftreten (auf der Ebene der Gruppe scheinen die Reinigungen des Kerns und die Beseitigung des Abfalls jetzt abgeschlossen zu sein). Wir akzeptieren den hierarchischen Rahmen, in dem wir uns befinden, nur wegen unserer Ungeduld, diejenigen zu vernichten, die wir dominieren und die wir auf der Basis unserer Anerkennungskriterien nur dominieren können.
c) Auf taktischer Ebene soll unsere Kommunikation wie die Ausstrahlung aus einem mehr oder weniger geheimen Zentrum sein. Wir wollen unmarkierte Verbindungslinien herstellen - direkte und zeitweise Beziehungen, zwangslose Kontakte, Entwicklung von unbestimmten Beziehungen der Sympathie und des Verständnisses, wie sie die roten Agitatoren vor dem Einmarsch der revolutionären Armeen pflegten. Indem wir sie analysieren, nehmen wir die radikalen Gesten für uns in Anspruch - Aktionen, Schriften, politische Haltungen, Werke - und wir gehen davon aus, daß unsere Gesten oder Analysen von der großen Mehrheit in Anspruch genommen werden,
So wie Gott der Bezugspunkt der vergangenen einheitlichen Gesellschaft war, so bereiten wir uns darauf vor, einer jetzt möglichen einheitlichen Gesellschaft ihren Hauptbezugspunkt zu liefern. Dieser Punkt kann allerdings unmöglich fest sein. Gegen die immer wieder auftretende Konfusion, die die kybernetische Gesellschaft aus der Vergangenheit der Unmenschlichkeit hervorholt, repräsentiert er das Spiel aller Menschen, die "bewegliche Ordnung der Zukunft".
 
Raoul Vaneigem (SI Nr 8 ,1963) <top>

 

William Brown (NB!# 21) The forty-one curses, crises and conspiracies of everyday life
 

RETROFUTURISM, 1992
The German critic Walter Benjamin envisioned a book composed entirely of assembled quotations from other authors.
GREIL MARCUS, 1989
In December 1957, Guy-Ernest Debord . . . produced a book he called Memoires. He didn’t write it. He cut scores of paragraphs, sentences, phrases, or sometimes single words out of books, magazines, and newspaper [...] At first the book seemed entirely a conceit -- precious. In fact it told a very specific story, and carried an affirmation that it was the only story worth telling.
RAOUL VANEIGEM, 1967
People who talk about revolution and class struggle without referring explicitly to everyday life, without understanding what is subversive about love and positive in the refusal of constraint, have corpses in their mouths.
GANG OF FOUR, 1981
I need a cheeseburger to go!
GUY DEBORD, 1961
To study everyday life would be a completely absurd undertaking, unable to grasp anything of its object, if this study was not explicitly for the purpose of transforming everyday life. The lecture, the exposition of certain intellectual considerations to an audience . . . itself forms a part of the everyday life to be criticized [...] It is thus desirable to demonstrate, by the slight alteration of the usual procedures, that everyday life is right here. These words are being communicated by way of a tape recorder, not, of course, in order to illustrate the integration of technology into this everyday life [that exists] on the margin of the technological world, but in order to seize the simplest opportunity to break with the appearance of pseudo-collaboration, of artificial dialogue, established between the lecturer "in person" and his spectators.
ROBERT SHEA & ROBERT ANTON WILSON, 1975
Certain dissident elements keep complaining that people don’t get a chance to participate in decisions made by their government. Yet, at a time like this, when the whole nation has an opportunity to hear the Attorney General, the ratings are not always as good as they should be. So let’s do everything we can to build up those ratings tonight, and let the whole world know that this is still a democracy.
STEPHEN E. AMBROSE, 1992
So many important people and powerful agencies wanted to murder President John F. Kennedy in November 1963 that they all but had to draw straws to see who got the first shot at him. According to Jim Marr’s book Crossfire: The Plot That Killed Kennedy -- one of the primary sources for Oliver Stone’s movie J.F.K. -- Kennedy was killed as a result of a conspiracy. "Who done it?" Mr. Marrs asks. "A consensus of powerful men in the leadership of U.S. military, banking, Government, intelligence and organized crime circles ordered their faithful agents to manipulate Mafia-Cuban-[Central Intelligence]Agency pawns to kill the chief." This conspiracy has been hidden from the public by the greatest cover-up of them all, the Warren Commission.
GUY DEBORD, 1992
"The conspiracy theory of history" was in the nineteenth century a reactionary and ridiculous belief, at a time when so many powerful social movements were stirring up the masses.
STEPHEN E. AMBROSE, 1992
That millions of Americans have read these books or seen Mr. Stone’s movie may tell us more about the attitude people have toward their Government and their educational experiences than it does about the Kennedy assassination. They believe that government is a conspiracy and that the history they were taught in school is all lie and myth.
ROBERT SHEA & ROBERT ANTON WILSON, 1975
He reckoned most of his countrymen as total mental basket cases and fondly believed that he was exploiting their folly when he told them a vast Illuminist conspiracy controlled the money supply and interest rates [...] That there was an element of truth in these bizarre notions never crossed his mind. In short, [he] was as alienated from the pulse, the poetry, and the profundity of American emotion as a New York intellectual.
GUY DEBORD, 1989
A combination of circumstances has marked almost everything I’ve done with a certain conspiratorial allure.
VARIOUS FRENCH NEWSPAPERS, 1970-1972
The police of Europe keep track of them. Elusive and underground, conspirators in the tradition, [the Situationist International] refuse[s] all legalities and conformisms, even socialist ones. The Situationist International has its base in Copenhagen and . . . is controlled by the security and espionage police of East Germany [...] Their general headquarters is secret but I think it is somewhere in London. They are not students, but what are known as situationists; they travel everywhere and exploit the discontent of students.
RAOUL VANEIGEM, 1962
Just as God constituted the reference point of past unitary society, we [situationists] are preparing to create the central reference point for a unitary society now possible.
ANTONIN ARTAUD, 1927
I regret living in a world where sorcerers and soothsayers must live in hiding, and where in any case there are so few genuine soothsayers . . . as far as I’m concerned, I find it astounding that fortune-tellers, tarot-readers, wizards, sorcerers, necromancers and other REINCARNATED ONES have for so long been relegated to the role of mere characters in fables and novels, and that, through one of the most superficial aspects of modern thinking, naivete is defined as having faith in charlatans. I believe whole-heartedly in charlatans, bonesetters, visionaries, sorcerers and chiromancers, because all these things have being, because, for me, there are no limits, no fixed form to appearances.
HENRI LEFEBVRE, 1947
Oh, women with strange faces, portraits and poems with weird imagery, peculiar objects -- all you prove is that there is no more "feminine mystery," that mystery has disappeared from our world, that it has degenerated into something public, that it is a game, an art-form, that it has lost its ancient glamour founded on terror and wild hope, that it has become mere journalism, mere advertizing, mere fashion, a music-hall turn, an exhibit. . . .
ROLAND BARTHES, 1958
. . . [a] Spectacle.
THE MEKONS, 1991
He is a sorcerer
Before your eyes cast a spell
Out of control. . . .
He’s a bourgeois sorcerer
In a million factories department stores and mills and banks
Dark powers walk in broad daylight
Social forces driven in dreadful directions
Whole populations conjured out of the ground
Ooh! The abyss is close to home.
KARL MARX, 1867
A commodity appears at first sight an extremely obvious, trivial thing. But its analysis brings out that it is a very strange thing, abounding in metaphysical subtleties and theological niceties. In so far as it is a use-value, there is nothing mysterious about it -- whether we regard it as something whose natural properties enable it to satisfy human wants, or as something which only acquires such properties as the outcome of human labor. It is absolutely clear that, by his activity, man changes the forms of the materials of nature in such a way as to make them useful to him. The form of wood, for instance, is altered if a table is made out of it. Nevertheless the table continues to be wood, an ordinary, sensuous thing. But as soon as it emerges as a commodity, it changes into a thing which transcends sensuousness. It not only stands with its feet on the ground, but, in relation to all other commodities, it stands on its head, and evolves out of its wooden brain grotesque ideas, far more wonderful than if it were to begin dancing of its own free will.
GREIL MARCUS, 1984
Pure poetry -- and the mystical echoes were no accident. Marx’s allusion was to the Spiritualists, who in his time clasped hands around tables in Boston, Paris, Prague, and St. Petersburg, waiting for the spirits of departed loved ones to set their hands knocking on wood, to make the tables dance. The Spiritualists had nothing to do with commodities, but the commodity had everything to do with magic.
HENRI LEFEBVRE, 1947
Everything -- life, science, both the ideal and the idea of love, not to mention that arch-sorcerer of the Western world, money -- conspires to instill in the sensitive, lucid, cultivated young man with a gift for "belles-lettres" a feeling of unease and dissatisfaction which can only be assuaged by something strange, bizarre or extraordinary [...] Thus philosophy has joined forces with literature in this great conspiracy against man’s everyday life. Even in our so-called "modern" poets’ and metaphysicians’ most polished verbal and technical games we can find the elements of a certain criticism of everyday life, but in an indirect form, and always based upon the confusion between the real in human terms and the real in capitalist terms.
THE GRAND MASONIC LODGE OF THE STATE OF NEW YORK, 1943
[In speaking of Masonry as] a world by itself, with a life of its own . . . the word "life" itself [is not] a misnomer. To the casual observer Freemasonry might appear to be a kind of artificial thing, like the wearing of a fancy dress at a costume ball, something with no roots deep in experience, a luxury rather than a necessity [...] An experienced Freemason, however, knows that Masonry is a way of life, a mode of living, which moves in him and helps to shape his life all of the time, whether inside of Lodge or not.
BROTHER S. JAY KAUFMAN (32-DEGREE), 1919
[The power of the Scottish Rite] amounts to a group of self-inspections looking to a specific daily conduct. And for Average Men always. For that matter, are we not all average men? [...] [In conclusion] may we repeat what we said a year ago -- that Masonry is as near Utopia as anything we know. That to bring about a consideration, by so many men, of finer living is a force for world progress in an every-day way which the world must encourage.
ADAM WEISHAUPT, 1776
And what is this general object [of the Order of the Illuminati]? THE HAPPINESS OF THE HUMAN RACE. Is it not distressing to a generous mind, after contemplating what human nature is capable of, to see how little we enjoy? When we look at this goodly world, and see that every man may be happy, but that the happiness of one depends on the conduct of another; when we see the wicked so powerful and the good so weak; and that it is in vain to strive singly and alone, against the general current of vice and oppression; the wish naturally arises in the mind, that it were possible to form a durable combination of the most worthy persons, who should work together in removing the obstacles to human happiness [...] Would not such an association be a blessing to the world? . . . The slightest observation shows that nothing will so much contribute to increase the zeal of the members as secret union. We see with what keenness and zeal the frivolous business of Freemasonry is conducted, by persons knit together by the secrecy of their union. It is needless to enquire into the causes of this zeal which secrecy produces. It is a universal fact, confirmed by the history of every age.
GUY DEBORD, 1988
Secrecy dominates this world, and first and foremost as the secret of domination. According to the spectacle, secrecy would only be a necessary exception to the rule of freely available, abundant information [...] No one sees secrecy in its inaccessible purity and its functional universality. Everyone accepts that there are inevitably little areas of secrecy reserved for specialists; as regards things in general, many believe they are in on the secret [...] Their only role is to make domination more respectable, never to make it comprehensible. They are the privilege of front-row spectators who are stupid enough to believe they can understand something, not by making use of what is hidden from them, but by believing what is revealed!
ADAM WEISHAUPT, 1778
We have to struggle with pedantry, with intolerance, with divines and statesmen, and above all, princes and priests are in our way. Men are unfit as they are, and must be formed, each class must be the school of trial for the next [...] Every person shall be made a spy on another and on all around him. Nothing can escape our sight; by these means we shall readily discover who is contented, and receive with relish the peculiar state-doctrines and religious opinions that are laid before them; and, at last, the truly worthy alone will be admitted to a participation in the whole maxims and political constitution of the Order.
NESTA WEBSTER, 1921
Amongst the whole correspondence which passed between Weishaupt and his adepts laid bare by the Government of Bavaria, we find no word of sympathy with the poor or suffering, no hint of social reform, nothing but a desire either for domination, for world power, or sheer love of destruction, and throughout all the insatiable spirit of intrigue. For this purpose every method was held to be justifiable, since the fundamental doctrine of the sect was that "the end sanctifies the means."
ADAM WEISHAUPT, 1781
If in order to destroy all Christianity, all religion, we have pretended to have the sole true religion, remember that the end justifies the means, and that the wise ought to take all the means to do good which the wicked take to do evil.
KENNETH MACKENZIE, 1877
Had the Order [of the Illuminati] been allowed free scope, much good would have resulted, as the members were, as a rule, men of the strictest morality and humanity, and the ideas they sought to instill were those which would have found universal acceptance in our own times.
GUY DEBORD, 1988
The ubiquitous growth of secret societies and networks of influence answers the imperative demand of the new conditions for profitable management of economic affairs, at a time when the state holds a hegemonic role in the direction of production and when demand for all commodities depends strictly on the centralization achieved by spectacular information/promotion, to which forms of distribution must also adapt. It is therefore only a natural product of the centralization of capital, production and distribution. Whatever does not grow must disappear; and no business can grow without adopting the values, techniques and methods of today’s industry, spectacle and state. In the final analysis it is the particular form of development chosen by the economy of our epoch which dictates the widespread creation of new personal bonds of dependency and protection.
HENRI LEFEBVRE, 1947
To understand this properly, we need to think about what is happening around us, within us, each and every day. We live on familiar terms with the people in our own family, our own milieu, our own class. This constant impression of familiarity makes us think that we know them, that their outlines are defined for us, and that they see themselves as having those same outlines [...] But the familiar is not necessarily the known [...] Familiarity, what is familiar, conceals human beings and makes them difficult to know by giving them a mask we can recognize, a mask that is merely the lack of something. And yet familiarity . . . is by no means an illusion. It is real, and is part of reality. Masks cling to our faces, to our skin; flesh and blood have become masks.
RAOUL VANEIGEM, 1962
There is a place where you create yourself and a time in which you play yourself. The space of everyday life, that of one’s true realization, is encircled by every form of conditioning. The narrow space of our true realization defines us, yet we define ourselves in the time of the spectacle. Or, put another way: our consciousness is no longer consciousness of myth and of particular-being-in-myth, but rather consciousness of the spectacle and of particular-role-in-the-spectacle.
HENRI LEFEBVRE, 1947
If there were no roles to play, and thus no familiarity, how could the cultural element or ethical element which should modify and humanize our emotions and our passions be introduced into life? The one involves the other. A role is not a role. It is social life, an inherent part of it. What is faked in one sense is what is the essential, the most precious, the human, in another.
GUY DEBORD, 1988
The highest ambition of the integrated spectacle is still to turn secret agents into revolutionaries, and revolutionaries into secret agents.
NEAL WILGUS, 1978
One of the most ironic and revealing things about Carr’s version of Illuminoid history is that if you take such thinking far enough to the right you’ll find far leftwingers coming to meet you on common ground: it’s a conspiracy! And indeed it is a conspiracy, an unending secret war between rich and poor, haves and have-nots, ins and outs.
LT. COL. GORDON MOHR, 1990
Today, the natural organization of labor, which has been founded on mutual need between capital and labor and which has been traditional in all periods of recorded history, has been upset. Now the worker is proclaimed to be equal in all respects with his employer, while he is exempted from the duties and responsibilities of the employer. The result has been a senseless "class struggle" which has all but destroyed American industry and which was designed to do just that.
NEAL WILGUS, 1978
Dan Smoot, Gary Allen and Phoebe Courtney may seem ludicrous in their attack on the Council of Foreign Relations as the brains of the conspiracy, yet what they’re saying is essentially the same as scholarly leftwingers such as C. Wright Mills and other trackers of . . . the Military-Industrial Complex.
GARY ALLEN, 1971
The Nixon "Game Plan’‘ is infinitely more clever and dangerous than those of his predecessors because it masquerades as being the opposite of what it is.
NEAL WILGUS, 1978
The argument is not whether there’s a conspiracy --
GARY ALLEN, 1978
The ultimate advantage the creditor has over the king or president is that, if the ruler gets out of line, the banker can finance his enemy or rival. Therefore . . . it is wise to have an enemy or rival waiting in the wings [...] If the King doesn’t have an enemy, you must create one [...] The key to control over governments has always been [the international bankers’] control of money.
NEAL WILGUS, 1978
-- but what to do about it.
GIORGIO DE CHIRICO, 1929
And then revolts break out as storms break out in the burning summer sky. Resolute and savage men, led by the kind of bearded colossus like an ancient god, wrested beams from the workshops and hurled them like catapults against the armour-plated palace doors. The most cautious had made their get-away; others than fallen under the first blows and these were precisely the people who had never wanted to believe in the revolt, maintaining that these rumors had no foundation and were started by greedy bankers who aimed to cause a fall in prices and then speculate afterwards on the rise which would follow the denial of the alarming rumors. These were the same people who always ended their optimistic speeches by phrases such as: Our people have too much good sense.


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Alle hier wiedergebenen deutschen Texte der situationistischen Internationale wurden auf der Website von Twokmi-Kimali gefunden, wo es noch weitere Texte zu lesen gibt, die leider zu umfangreich sind, um im begrenzten Rahmen eines Ezines gebührend Platz zu finden....

Deutschsprachige Übersetzungen Situationistischer Texte (Guy Debord/Raoul Vaneigm/u.a...)

Neoism

Notbored

Psychogeography

Bureau of Public Secrets

SI Archive

Agora International (Socialisme ou Barbarie)

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Soka International Artist Network - The IV. (The Force)

THE DAYS OF THIS SOCIETY ARE NUMBERED; its reasons and its merits have been weighed in the balance and found wanting - Life itself has become a show contemplated by an audience. That audience is anyone who has no control over the conditions of his/her own existence. Reality is now merely something we look at and think about, not something we experience. In the real world, what is possible is determined by our resources and the limits of our imaginations, but upon this real world a totally fake world - the Spectacle - has been constructed. It is maintained on a microscopic level by our conversations and relationships; in our simplest everyday dealings we engage in the construction of social illusions. The Spectacle is a constructed reality. It does not satisfy, it cannot satisfy. It offers only the dream of satisfaction.

The basic characteristic of the spectade today is the way it calls attention to its own disintegration.The effect of this is the substitution of images and commodities for "real" experience. People enter into relationships with spectacular production rather than each other. Isolated individuals, united only by a passive contemplation of the spectacle. A manufactured alienation for manufactured personalities that multiplies needs precisely because it can satisfy none of them. Industry creates new needs to stimulate consumption and productivity.

"But I don't want to go among mad people," Alice remarked.
"Oh, you can't help that," said the Cheshire Cat: "we're all mad here. I'm mad. You're mad."
"How do you know I'm mad?" said Alice.
"You must be," said the Cat, "or you wouldn't have come here."

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