Raoul Vaneigem
Basisbanalitäten
Der Wohlfahrtsstaat zwingt uns heute in Form von technischem Komfort
(Mixgeräte, Konserven, Sarcelles und Mozart für jeden)
die Elemente eines Überlebens auf, für dessen Aufrechterhaltung
die meisten Menschen gestern wie heute ihre gesamten Energien unaufhörlich
eingesetzt haben, während sie sich gleichzeitig untersagten
zu leben.
Nun ist die Organisation, die die materielle Ausstattung unseres
alltäglichen Lebens verteilt, derart, daß das, was eigentlich
ermöglichen sollte, es reichhaltiger zu machen, uns in einen
Armutsluxus stürzt und die Entfremdung um so unerträglicher
macht, als jedes Element des Komforts uns mit einem Befreiungsgebaren
und dem Gewicht einer Knechtschaft überfällt. Wir sind
heute zur Sklaverei der befreienden Arbeit verdammt.
Um dieses Problem zu verstehen, muß man es ins Licht der hierarchisierten
Macht stellen, die so evident wie Tag und Nacht ist. Vielleicht
genügt es aber nicht zu sagen, daß die hierarchisierte
Macht die Menschheit seit Jahrtausenden schützt, wie der Alkohol
den Fötus daran hindert, zu verwesen oder zu wachsen. Es muß
hinzugefügt werden, daß die hierarchisierte Macht die
höchste Entwicklungsstufe der enteignenden Aneignung ist -historisch
betrachtet deren Alpha und Omega. Die enteignende Aneignung kann
man als Aneignung der Dinge durch die Aneignung der Menschen definieren,
da die gesellschaftliche Entfremdung aus dem Kampf gegen die Entfremdung
in der Natur entsteht.
Die enteignende Aneignung setzt eine Organisation des Scheins voraus,
in der die radikalen Widersprüche verdeckt werden: Die Knechte
müssen sich als blasse Abbilder des Herren erkennen, so daß
über den Spiegel einer illusorischen Freiheit hinaus das vergrößert
wird, was ihre Untertänigkeit und Passivität verstärkt.
Der Herr muß sich seinerseits mit dem mythischen und vollkommenen
Knecht eines Gottes bzw. einer Transzendenz identifizieren, die
nichts anderes als die heilige und abstrakte Repräsentation
der Totalität der Menschen und Dinge ist, über die er
eine um so wirklichere und um so weniger angezweifelte Macht ausübt,
je universeller sein tugendhafter Verzicht an Glauben gewinnt. Dem
wirklichen Opfer des Ausführenden entspricht das mythische
Opfer des Herrschenden; das eine findet in dem anderen seine Verneinung,
das Fremde wird vertraut und das Vertraute fremd, jeder verwirklicht
sich in seiner Umkehrung. Aus der gemeinsamen Entfremdung entsteht
die Harmonie, eine negative Harmonie, deren grundsätzliche
Einheit der Begriff des Opfers ist. Was die objektive (und pervertierte)
Harmonie aufrecht hält, ist der Mythos, und dieser Ausdruck
wurde gebraucht, um die Organisation des Scheins in den einheitlichen
Gesellschaften zu bezeichnen - d.h. also in den Gesellschaften,
in denen eine göttliche Autorität offiziell über
der Sklaven-, Stammes- oder Feudalmacht steht und in denen das Heilige
es der Macht ermöglicht, die Totalität in Beschlag zu
nehmen.
Die ursprünglich auf der "Hingabe" beruhende Harmonie
schließt eine Form von Beziehung ein, die sich dann weiterentwickelt,
bis sie autonom wird und die Harmonie zerstört. Diese Beziehung
stützt sich auf den parzellierten Tausch (von Waren, Geld,
Produkten, Arbeitskraft usw.), den Tausch eines Teils von sich selbst,
der den Begriff der bürgerlichen Freiheit begründet. Diese
Beziehung wächst in dem Maße, wie innerhalb der Ökonomie
landwirtschaftlichen Typs Handel und Technik die Oberhand gewinnen.
Mit der Machtergreifung der Bourgeoisie verschwindet die Einheit
der Macht. Die heilige enteignende Aneignung wird im kapitalistischen
Mechanismus weltlich. Von der Beherrschung durch die Macht befreit,
ist die Totalität wieder konkret und unmittelbar geworden.
Die Ära der Parzellierung besteht aus nicht mehr als einer
Reihe von Bemühungen, eine unerreichbare Einheit zurückzuerobern
und einen Ersatz für das Heilige zu schaffen, der die Macht
schützen könnte.
Ein revolutionärer Moment besteht dann, wenn "alles, was
die Wirklichkeit präsentiert", seine unmittelbare Repräsentation
findet. In der übrigen Zeit arbeitet die hierarchisierte Macht,
von ihrer magischen und mystischen Pracht immer weiter entfernt,
daran, vergessen zu lassen, daß die Totalität - die nichts
anderes war als die Wirklichkeit! - sie als Betrügerin entlarvt.
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Mit ihrem frontalen Angriff auf die mythische Organisation des Scheins
trafen die bürgerlichen Revolutionen ganz unfreiwillig den
wunden Punkt nicht nur der einheitlichen, sondern vor allem der
hierarchisierten Macht in allen ihren Formen. Kann dieser unvermeidliche
Irrtum den Schuldkomplex, der einer der Hauptzüge des bürgerlichen
Geistes ist, erklären? Es handelt sich zumindest unbezweifelbar
um einen unvermeidlichen Irrtum.
Ein Irrtum zunächst, weil der Mythos, nachdem die lügnerische
Undurchsichtigkeit, die die enteignende Aneignung verbarg, einmal
aufgebrochen ist, zerplatzt und eine Leere hinterläßt,
die nur eine delirierende Freiheit und starke Poesie auffüllen
können. Freilich hat die orgiastische Poesie bisher die Macht
nicht zugrundegerichtet. Für ihren Mißerfolg gibt es
leicht erklärbare Gründe, und ihre zweideutigen Zeichen
decken die versetzten Schläge ebenso auf, wie sie gleichzeitig
die Wunden vernarben lassen. Trotzdem genügt es - wir wollen
die Historiker und die Ästheten bei ihren Sammlungen nicht
stören -, den Schorf der Erinnerung abzukratzen, damit die
alten Schreie, Worte und Gesten die Macht von neuem in ihrem ganzen
Umfang zum Bluten bringen. Die gesamte Organisation des Überlebens
der Erinnerungen kann das Vergessen nicht daran hindern, diese Erinnerungen
in dem Maße auszulöschen, wie sie, wieder lebendig geworden,
sich aufzulösen beginnen - genauso wie unser Überleben
bei der Konstruktion unseres alltäglichen Lebens.
Dann ein unvermeidlicher Prozeß: Wie Marx gezeigt hat, eröffnen
das Auftauchen des Tauschwertes und seine symbolische Ersetzung
durch das Geld eine tiefe, latente Krise innerhalb der einheitlichen
Welt. Die Ware verleiht den menschlichen Beziehungen einen universalen
(ein 1.000 Francs-Schein repräsentiert all das, was ich für
diese Summe erwerben kann) und egalitären Charakterzug (es
werden gleichwertige Dinge ausgetauscht). Diese "egalitäre
Universalität" entgeht zum Teil sowohl dem Ausbeuter als
auch dem Ausgebeuteten, der eine wie der andere erkennen sich aber
in ihr wieder. Sie finden sich von
Angesicht zu Angesicht wieder, nicht mehr im Geheimnis der göttlichen
Geburt und Herkunft miteinander konfrontiert, wie das für den
Adel der Fall war, sondern in einer für alle verständlichen
Transzendenz - dem Logos also, einer Gesamtheit von Gesetzen, die
für alle begreifbar sind, wenn auch eine solche Begreifbarkeit
immer noch vom Geheimnis umfaßt wird. Ein Geheimnis, das seine
Initiierten hat: zuerst die Priester, die sich darum bemühen,
den Logos im Vorhimmel der göttlichen Mystik zu halten, bevor
sie den Philosophen und später den Technikern die Würde
der heiligen Mission überlassen. Von der platonischen Republik
zum kybernetischen Staat.
So wird unter dem Druck des Tauschwertes und der Technik (die man
die "greifbare Vermittlung" nennen könnte) der Mythos
langsam weltlich. Auf zwei Tatsachen soll jedoch hingewiesen werden:
a) Indem sich der Logos von der mystischen Einheit freimacht, behauptet
er sich zugleich in ihr und gegen sie. Über die magischen und
analogen Verhaltensstrukturen legen sich rationelle und logische
Verhaltensstrukturen, die diese verneinen und gleichzeitig aufbewahren
- wie z.B. die Mathematik, die Poetik, die Ökonomie, die Ästhetik,
die Psychologie usw.
b) Jedesmal, wenn der Logos als die "Organisation des verstehbaren
Scheins" an Autonomie gewinnt, tendiert er dazu, sich vom Heiligen
abzutrennen und zu parzellieren, so daß er die einheitliche
Macht doppelt gefährdet. Wir wissen schon, daß das Heilige
die Beschlagnahme der Totalität durch die Macht ausdrückt
und daß jeder zur Totalität Strebende die Vermittlung
der Macht braucht - die mit dem Bann belegten Mystiker, Alchimisten
und Gnostiker beweisen das zur Genüge. Dadurch läßt
sich auch erklären, warum die gegenwärtige Macht die Spezialisten
"schützt", in denen sie dunkel die Missionare eines
wieder geheiligten Logos erkennt, ohne ihnen jedoch volles Vertrauen
zu schenken. Es gibt historische Zeichen, die von den Anstrengungen
zeugen, in der mystischen, einheitlichen Macht eine konkurrierende
Macht zu gründen, die ihre Einheit vom Logos fordern würde
- als solche gelten z.B. der christliche Synkretismus, der Gott
psychologisch erklärbar macht, die Renaissance-Bewegung, die
Reformation und die Aufklärung.
Alle Herren, die sich um die Aufrechterhaltung der Einheit des Logos
bemüht haben, waren sich dabei genau dessen bewußt, daß
allein die Einheit der Macht Bestand verleiht. Bei etwas näherer
Betrachtung waren ihre Bemühungen nicht so vergeblich, wie
die Parzellierung des Logos im XIX. und XX. Jahrhundert zu beweisen
scheint. In der allgemeinen Atomisierungsbewegung ist der Logos
zu spezialisierten Techniken zerbröckelt (Physik, Biologie,
Soziologie, Papyruskunde, um nur einige zu nennen); zu gleicher
Zeit aber drängt sich die Rückkehr zur Totalität
um so stärker auf. Man sollte es nicht vergessen: Eine technokratisch
allmächtige Macht würde genügen, damit die Planung
der Totalität in Angriff genommen wird und der Logos die Funktion
des Mythos übernimmt, als zukünftige, einheitliche - kybernetische
- Macht die Totalität in Beschlag zu nehmen. In einer solchen
Perspektive wäre der Traum der Enzyklopädisten (eines
eng rationalisierten unbegrenzten Fortschritts) nur um zwei Jahrhunderte
verschoben worden, bevor er Wirklichkeit wird. In diesem Sinne bereiten
die Stalino-Kybemetiker die Zukunft vor. In dieser Perspektive muß
man verstehen, daß die friedliche Koexistenz eine totalitäre
Einheit einleitet. Es ist an der Zeit, daß jeder sich dessen
bewußt wird, daß er bereits dagegen Widerstand leistet.
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Das Schlachtfeld ist bekannt. Es geht darum, den Kampf vorzubereiten,
bevor der politische Koitus zwischen dem mit seiner Totalität
ohne Technik ausgestatteten Pataphysiker und dem Kybernetiker, mit
seiner Technik ohne Totalität, gebührend gesegnet worden
ist.
Vom Standpunkt der hierarchisierten Macht aus war die Entheiligung
des Mythos nur dann annehmbar, wenn der Logos - oder zumindest seine
entheiligenden Elemente - wieder geheiligt wurde. Das Heilige angreifen
hieß gleichzeitig - ein bekanntes Lied! -, die Totalität
befreien und folglich die Macht zerstören. Nun erhält
die zerstückelte, arme und ständig angegriffene Macht
der Bourgeoisie ihr relatives Gleichgewicht, indem sie sich auf
folgende Zweideutigkeit stützt: die objektiv entheiligende
Technik erscheint subjektiv als ein Instrument der Befreiung. Keine
wirkliche Befreiung aber, wie allein die Entheiligung -d.h. das
Ende des Spektakels - sie möglich machen kann, sondern eine
Karikatur, ein Ersatz, eine heraufbeschworene Halluzination. Die
parzellierte Macht überträgt das, was die einheitliche
Weltanschauung ins Jenseits verwies (das Bild der Erhebung), in
den zukünftigen Wohlstand (das Bild des Vor-Habens jenes nächsten
Morgens, der auf dem Misthaufen der Gegenwart singt und nichts anderes
ist als die mit der Zahl der zu produzierenden Gadgets multiplizierte
Gegenwart. Von der Parole "In Gott leben" ist man zur
humanistischen Formel "Alt überleben" übergegangen,
die man folgendermaßen formuliert: "Jung leben - lange
leben".
Dem entheiligten und parzellierten Mythos gehen Hochmut und Geistigkeit
verloren. Er wird zur inhaltsarmen Form, die ihre früheren
Merkmale zwar behält, sie aber auf konkrete, brutale und fühlbare
An offenbart. Gott hat aufgehört, Regisseur zu sein, und während
er darauf wartet, daß der Logos ihm mit den Waffen der Technik
und der Wissenschaft nachfolgt, nehmen die Gespenster der Entfremdung
überall Gestalt an und stiften Unruhe. Man achte darauf: das
sind die Vorzeichen einer zukünftigen Ordnung. Von nun an müssen
wir spielen, wenn wir vermeiden wollen, daß die Zukunft im
Zeichen des Überlebens steht oder sogar daß das unmöglich
gewordene Überleben - und selbstverständlich das gesamte
Experiment der Konstruktion des alltäglichen Lebens mit ihm
zusammen - vollkommen verschwindet (die Hypothese eines Selbstmordes
der Menschheit). Die lebenswichtigen Ziele des Kampfes um die Konstruktion
des alltäglichen Lebens sind die wunden Punkte jeder hierarchisierten
Macht. Die Konstruktion des einen ist die Zerstörung des anderen.
Immer noch befinden sich die Elemente im Wirbelwind der Entheiligung
und der erneuten Heiligsprechung, gegen die wir uns in erster Linie
definieren: die Organisation des Scheins zu einem Spektakel, in
dem jeder sich verneint; die Trennung, auf die sich das Privatleben
gründet, da es der Raum ist, in dem die objektive Trennung
zwischen Besitzenden und Enteigneten erlebt und auf jede Ebene übertragen
wird; und das Opfer. Diese drei Elemente sind selbstverständlich
eng miteinander verflochten - wie ihre antagonistischen Gegensätze:
die Beteiligung, die Kommunikation und die Verwirklichung. Dasselbe
gilt für ihren Kontext: Nicht-Totalität (eine Welt des
Mangels oder eine der kontrollierten Totalität) und Totalität.
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Die seinerzeit in der göttlichen Transzendenz aufgelösten
menschlichen Beziehungen -anders gesagt: die dem Heiligen untergeordnete
Totalität - haben sich abgeklärt und verdichtet, sobald
das Heilige aufgehört hat, als Katalysator zu wirken. Ihre
Materialität ist hervorgetreten, und während die launischen
Gesetze der Ökonomie auf die göttliche Vorsehung folgten,
kam die Macht der Menschen hinter derjenigen der Götter zum
Vorschein. Der damals mythischen Rolle, unter dem göttlichen
Flutlicht von jedem gespielt, entspricht heute eine Vielfalt von
Rollen, deren Masken - obwohl sie menschliche Gesichter sind - vom
Schauspieler als auch vom Statisten weiterhin verlangen, gemäß
der Dialektik des mythischen und des wirklichen Opfers sein wirkliches
Leben zu verneinen. Das Spektakel ist nichts anderes als der entheiligte
und parzellierte Mythos. Es macht den Panzer einer Macht aus (den
man auch als "wesentliche Vermittlung" bezeichnen könnte),
die bei jedem Schlag verwundbar wird, sobald es ihr in der allgemeinen
Kakophonie, die alle Schreie unterdrückt und harmonisiert,
nicht mehr gelingt, ihre Beschaffenheit als enteignende Aneignung
sowie das Unglück zu verbergen, das diese Macht mehr oder weniger
stark an alle austeilt.
Wie das Spektakel gegenüber dem Mythos eine Verarmung darstellt,
so verarmen im Rahmen einer parzellierten, durch die Entheiligung
zerfressenen Macht die Rollen immer mehr. Sie decken das Mechanische
und Künstliche mit einer solchen Plumpheit auf, daß die
Macht einer Entlarvung des Spektakels durch das Volk nur dadurch
zuvorkommen kann, daß sie die Initiative dieser Entlarvung
auf noch plumpere Weise ergreift und ihre Schauspieler wie ihre
Minister wechselt oder Pogrome organisiert gegen vermeintliche oder
vorgefertigte Regisseure (Agenten von Moskau, der Wallstreet, der
Judenherrschaft, der oberen Zehntausend). Was auch bedeutet, daß
jeder Schauspieler oder Statist des Lebens unfreiwillig dem Komödianten
gewichen ist, daß der Stil vor der Ausschmückung zurückgetreten
ist.
Der Mythos als unbewegliche Totalität umfaßte die Bewegung
- wie z.B. bei der Wallfahrt, die zugleich Vollendung und Abenteuer
innerhalb der Unbeweglichkeit ist. Einerseits bemächtigt sich
das Spektakel der Totalität nur dadurch, daß es diese
auf ein Fragment und eine Folge von Fragmenten reduziert - die psychologische,
soziologische, biologische, philologische oder mythologische Weltanschauung
-, andererseits steht es am Schnittpunkt der Bewegung der Entheiligung
und der Heiligsprechungsversuche. So gelingt es dem Spektakel, die
Unbeweglichkeit nur innerhalb der wirklichen Bewegung durchzusetzen
- der Bewegung also, die es trotz seines Widerstandes verändert.
Im parzellierten Zeitalter macht die Organisation des Scheins aus
der Bewegung eine lineare Abfolge unbeweglicher Augenblicke (dieses
zahnradbahnähnliche Fortschreiten wird durch den stalinistischen
Diamat perfekt veranschaulicht). Im Rahmen dessen, was wir die "Kolonisierung
des alltäglichen Lebens" genannt haben, gibt es keine
anderen Veränderungen als die von fragmentarischen Rollen.
Der Reihe nach und aus mehr oder weniger zwingenden Konventionen
ist man Staatsbürger, Familienvater, Liebespartner, Politiker,
Spezialist, Berufstätiger, Produzent oder Konsument. Welcher
Herrschende empfindet jedoch nicht, daß auch er beherrscht
wird? Auf alle paßt das geflügelte Wort: manchmal bescheißen,
aber immer angeschissen!
Wenigstens in einem Punkt wird das Zeitalter der Parzellierung keinen
Zweifel erlaubt haben: Das alltägliche Leben ist das Schlachtfeld,
auf dem der Kampf zwischen der Totalität und der Macht ausgetragen
wird und in dem die Macht ihre ganze Energie einsetzt, um die Totalität
unter Kontrolle zu bringen.
Wenn wir die Macht des alltäglichen Lebens gegen die hierarchisierte
Macht fordern, fordern wir alles. Wir sehen uns in dem generalisierten
Konflikt, der vom häuslichen Zwist bis zum revolutionären
Krieg geht und setzen auf den Willen zum Leben. Was bedeutet, daß
wir als Anti-Überlebende überleben müssen. Grundsätzlich
gilt unser Interesse den Augenblicken, in denen das Leben aus der
Überlebensvereisung herausspringt - seien diese Augenblicke
unbewußt oder zu einer Theorie ausgearbeitet, historisch,
wie z.B. die Revolution, oder persönlich. Wir müssen aber
die Tatsache anerkennen, daß wir - aufgrund der allgemeinen
Unterdrückung durch die Macht und aufgrund der Notwendigkeiten
unseres Kampfes, unserer Taktik usw. - auch daran gehindert werden,
dem Verlauf solcher Augenblicke frei zu folgen (mit der Ausnahme
des Moments der Revolution selbst). Ebenso wichtig ist es, das Mittel
zu finden, diesen zusätzlichen "Fehlerquotienten"
durch die Erweiterung dieser Augenblicke und die Offenlegung ihrer
qualitativen Tragweite auszugleichen. Was wir über die Konstruktion
des alltäglichen Lebens sagen, wird von der Kultur und der
Subkultur (der Zeitschrift Arguments z.B. und den fragenden Denkern
mit bezahltem Urlaub) gerade deshalb nicht rekuperiert, weil jeder
situationistische Gedanke die richtige Fortsetzung der Gesten ist,
die in jedem Augenblick und von Tausenden von Menschen entworfen
werden, um zu vermeiden, daß ein Tag nur zu 24 verpfuschten
Stunden verkommt. Sind wir eine Avantgarde? Wenn ja, dann heißt
Avantgarde-Sein Schritthalten mit der Wirklichkeit.
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Wir behaupten nicht, das Monopol auf die Intelligenz zu haben, wohl
aber auf deren Anwendung. Unsere Position ist eine strategische
- wir stehen im Mittelpunkt jeden Konflikts, welcher Art er auch
sein mag. Das Qualitative ist unsere Force de Frappe. Wenn einer
diese Zeitschrift wegschmeißt, weil sie ihn ärgert, handelt
er viel wertvoller, als wenn er sie lesen, nur halb verstehen und
uns dann um eine Erklärung bitten würde, die ihm beweisen
könnte, daß er ein kultivierter Mensch sei, also ein
Dummkopf. Früher oder später muß man verstehen,
daß die von uns benutzten Worte und Sätze noch hinter
der Wirklichkeit zurückbleiben; mit anderen Worten: die Verzerrung
und Ungeschicklichkeit unserer Ausdrucksweise (das, was ein geschmackvoller
Mensch nicht ohne Wahrheit einen "ziemlich aufreizenden hermetischen
Terrorismus" nennt) kommen daher, daß wir auch auf diesem
Gebiet im Mittelpunkt stehen, an der undeutlichen Grenze, wo der
überaus komplexe Kampf zwischen der von der Macht zwangsverwalteten
Sprache (Konditionierung) und der befreiten Sprache (Poesie) ausgefochten
wird. Demjenigen, der uns mit einem Schritt Verspätung folgt,
ziehen wir den vor, der uns aus Ungeduld von sich weist, weil unsere
Sprache noch nicht die authentische Poesie ist, d.h. die freie Konstruktion
des alltäglichen Lebens.
Alles, was das Denken berührt, berührt auch das Spektakel.
Die meisten Menschen leben in dem von der Macht geschickt aufrechterhaltenen
Schrecken vor dem Erwachen zu sich selbst. Der Einfluß, den
die Konditionierung -die spezielle Poesie der Macht - ausübt
(die gesamte, vorhandene materielle Ausstattung gehört dazu:
Presse, Fernsehen, stereotype Redensarten, Magie, Tradition, Ökonomie,
Technik usw., also das, was wir die zwangsverwaltete Sprache nennen),
geht so weit, daß es ihm fast gelingt, das aufzulösen,
was Marx den nicht-beherrschten Sektor nannte, um ihn durch einen
anderen zu ersetzen (siehe weiter unten das Phantombild des "Überlebenden").
Das Erlebte läßt sich aber nicht so leicht auf eine Folge
leerer Abbildungen reduzieren. Der Widerstand gegen die von außen
gesteuerte Organisation des Lebens - d.h. die Organisation des Lebens
als eines Überlebens - enthält mehr Poesie als alles,
was je in Prosa oder in Versen veröffentlicht wurde, und der
Poet im literarischen Sinne des Wortes ist derjenige, der das wenigstens
verstanden oder empfunden hat. Eine solche Poesie schwebt allerdings
in großer Gefahr. Im situationistischen Sinne ist diese Poesie
zwar unreduzierbar und kann durch die Macht nicht rekuperiert werden
(sobald eine Geste rekuperiert wird, wird sie stereotyp - Konditionierung,
Sprache der Macht), sie ist trotzdem von der Macht umzingelt. Durch
die Isolierung umzingelt die Macht das Unreduzierbare und hält
es fest; und in der Isolierung ist man nicht lebensfähig. Die
beiden Schneiden dieser Zange heißen einerseits: Gefahr des
Zerfalls (Wahnsinn, Krankheit, Stadtstreicherdasein, Selbstmord)
und andererseits: femgesteuerte Therapien (leere Kommunikation,
Zusammenhalt innerhalb der Familie oder der Freundschaft, Psychoanalyse
zu Diensten der Entfremdung, ärztliche Behandlung, Arbeitstherapie);
wobei erstere den Tod und letztere das bloße Überleben
ermöglichen. Früher oder später muß sich die
S.I. als eine Therapeutik definieren: Wir sind bereit, die von allen
gemachte Poesie gegen die falsche, allein von der Macht geschaffene
(die Konditionierung) zu verteidigen. Es ist wichtig, daß
Ärzte und Psychoanalytiker das auch. verstehen, wenn sie nicht
eines Tages zusammen mit den Architekten und sonstigen Überlebensaposteln
unter den Konsequenzen ihrer Taten leiden wollen.
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Alle nicht gelösten und nicht aufgehobenen Antagonismen werden
schwächer. Sie können sich nur dann entwickeln, wenn sie
in alten, nicht aufgehobenen Formen gefangen bleiben - wie z.B.
die anti-kulturelle Kunst innerhalb des kulturellen Spektakels.
Jede radikale Opposition, die nicht oder nur teilweise gesiegt hat
- was dasselbe bedeutet -, verkümmert allmählich zur reformistischen
Opposition. Die parzellierten Oppositionen sind wie Zähne eines
Zahnrades: Sie verzahnen sich ineinander und treiben die Maschine
- die des Spektakels und der Macht - weiter.
Der Mythos hielt alle Antagonismen im Archetyp des Manichäismus
aufrecht. Wo ist der Archetyp in einer parzellierten Gesellschaft
zu finden? Tatsächlich erscheint heute die Erinnerung an die
alten Antagonismen, wahrgenommen in ihrer offensichtlich entwerteten
und nicht aggressiven Form als die letzte Bemühung um eine
Kohärenz in der Organisation des Scheins, so sehr ist das Spektakel
zum Spektakel der Konfusion und Äquivalenz geworden. Wir sind
bereit, jede Spur dieser Erinnerungen auszulöschen, indem wir
in einem nicht mehr fernen, radikalen Kampf die gesamte Energie
sammeln, die in den alten Antagonismen enthalten ist. Aus allen
von der Macht vermauerten Quellen kann ein Fluß entspringen,
der das Relief der Erde verändern wird.
Als eine Karikatur der Antagonismen nötigt die Macht jeden,
für oder gegen Brigitte Bardot, den "Neuen Roman",
den Citroen 4 CV, Spaghetti, Meskal, kurze Röcke, die UNO,
die humanistische Bildung, die Verstaatlichung, den thermonuklearen
Krieg und das Trampen zu sein. Alle werden nach ihrer Meinung über
alle Einzelheiten gefragt, um ihnen leichter zu verbieten, eine
Meinung über die Totalität zu haben. Wie plump es auch
sein mag, das Manöver könnte doch Erfolg haben, wenn nicht
die Handelsreisenden selbst, die damit beauftragt sind, es von Haus
zu Haus zu tragen, auf den Gedanken ihrer eigenen Entfremdung kämen.
Zu der Passivität, die den enteigneten Massen aufgezwungen
wird, kommt noch die wachsende Passivität der Herrschenden
und Akteure hinzu, die den abstrakten Gesetzen des Marktes und des
Spektakels unterworfen sind und eine stetig abnehmende reale Macht
über die Welt genießen. Schon zeigen sich die Zeichen
einer Revolte bei den Schauspielern, bei Stars, die der Werbung
zu entgehen versuchen, oder bei Herrschenden, die ihre eigene Macht
kritisieren: Brigitte Bardot oder Fidel Castro. Die Instrumente
der Macht nutzen sich ab; man kann insoweit mit ihnen rechnen, wie
sie keine Instrumente mehr sein wollen und einen Status als freie
Wesen verlangen.
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Als die Revolte der Sklaven drohte, die Struktur der Macht zu erschüttern
und das zu entlarven, was die verschiedenen Transzendenzen mit dem
Mechanismus der enteignenden Aneignung verband, trat das Christentum
auf den Plan, um einen Reformismus großen Stils zu entwickeln,
dessen demokratische Hauptforderung darin bestand, den Sklaven nicht
einmal den Zugang zur Wirklichkeit eines menschlichen Lebens zu
lassen - was unmöglich gewesen wäre, ohne die Aneignung
in ihrer Bewegung der Ausschließung zu entlarven -, wohl aber
zur Unwirklichkeit einer Existenz, deren Glücksquelle mythisch
ist (die Imitation von Jesus Christus als Preis fürs Jenseits).
Was hat sich verändert? Aus der Erwartung des Jenseits ist
die einer glücklichen Zukunft geworden: das Opfer des wirklichen
und unmittelbaren Lebens ist der Kaufpreis, der für die illusorische
Freiheit eines Scheinlebens bezahlt werden muß. Das Spektakel
ist der Ort, wo sich die Zwangsarbeit in ein akzeptiertes Opfer
verwandelt. Nichts kann verdächtiger sein als die Formel: "Jedem
nach seiner Arbeit" in einer Welt, in der die Arbeit eine Erpressung
zum Überlebens ist; geschweige denn die Formel: "Jedem
nach seinen Bedürfnissen" in einer Welt, in der die Bedürfnisse
von der Macht bestimmt werden. Jede Konstruktion, die sich auf autonome
-und folglich partielle - Weise definieren will und nicht berücksichtigt,
daß sie faktisch durch die Negativität definiert wird,
in der alles schwebt, ist ein Bestandteil des reformistischen Projekts.
Sie gibt vor, auf Treibsand genauso gut landen zu können wie
auf einer Betonbahn. Die Verachtung und Verkennung des durch die
hierarchisierte Macht festgesetzten Zusammenhangs führt nur
zur Verstärkung dieses Zusammenhangs. Hingegen müssen
die spontanen Gesten, die überall vor unseren Augen gegen die
Macht und ihr Spektakel entworfen werden, vor allen Hindernissen
gewarnt werden und eine Taktik entwickeln, die die Kraft des Gegners
und seiner Rekuperationsmöglichkeiten berücksichtigt.
Diese Taktik, die wir popularisieren wollen, ist die Zweckentfremdung.
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Ohne Belohnung ist das Opfer nicht denkbar. Für ihr wirkliches
Opfer bekommen die Arbeiter die Instrumente ihrer Befreiung (Komfort,
Gadgets), es handelt sich dabei aber um eine rein fiktive Befreiung,
da die Macht zum einen die Gebrauchsanweisung für die gesamte
materielle Ausstattung besitzt und zum anderen die Instrumente und
ihre Benutzer zu ihren eigenen Zwecken einsetzt. Die christlichen
und die bürgerlichen Revolutionen haben das mythische Opfer
- das "Opfer des Herren" -demokratisiert. Heute gibt es
unzählige Initiierte, die Machtkrümel aufpicken, indem
sie die Totalität ihres partiellen Wissens in den Dienst aller
stellen. Sie werden nicht mehr "Initiierte" und noch nicht
"Priester des Logos", sondern einfach Spezialisten genannt.
Auf der Ebene des Spektakels ist ihre Macht unbestreitbar: Der Kandidat
beim "Quiz" und der Postbeamte, der tagelang ausführlich
die mechanischen Raffinessen seines 2 CV erklärt, identifizieren
sich beide mit dem Spezialisten, und es ist bekannt, wie sehr die
Produktionsleiter Nutzen aus solchen Identifizierungen ziehen, um
die Facharbeiter zu zähmen. Die wirkliche Aufgabe der Technokraten
würde vor allem darin bestehen, den Logos zu vereinheitlichen,
wären sie nicht durch einen der Widersprüche der parzellierten
Macht auf eine lächerliche Isolierung beschränkt. Durch
ihre gegenseitigen Wechselwirkungen entfremdet, kennen sie nur das
Ganze eines Fragments, und jede Verwirklichung muß ihnen entgehen.
Welche wirkliche Kontrolle können der Atomtechniker, der Stratege,
der politische Spezialist usw. über eine Nuklearwaffe ausüben?
Von welcher absoluten Kontrolle kann die Macht hoffen, daß
sie ihr alle Gesten unterwirft, die gegen sie stehen? Die Schauspieler
auf der Bühne sind so zahlreich, daß nur das Chaos sie
beherrscht. "Die Ordnung herrscht, aber sie regiert nicht"
(Siehe Editorische Notizen, S.I. Nr. 6).
Insofern der Spezialist an der Ausarbeitung der Instrumente teilhat,
die die Welt konditionieren und umgestalten, bringt er die Revolte
der Privilegierten in Gang. Bisher hieß eine solche Revolte
Faschismus. Es ist vor allem eine Opernrevolte - hatte nicht schon
Nietzsche in Wagner einen Wegbereiter gesehen? -, in der die lange
Zeit zurückgesetzten oder sich immer weniger frei fühlenden
Schauspieler plötzlich die Hauptrollen verlangen. Von einem
klinischen Standpunkt aus ist der Faschismus die bis zum Paroxysmus
getriebene Hysterie der Welt des Spektakels. In diesem Paroxysmus
festigt das Spektakel vorübergehend seine Einheit und enthüllt
gleichzeitig seine radikale Unmenschlichkeit. Durch den Faschismus
und den Stalinismus, die seine romantischen Krisen sind, enthüllt
das Spektakel seine wahre Natur: Es ist eine Krankheit.
Wir werden durch das Spektakel zu Süchtigen. Nun sind alle
Elemente einer Entziehungskur (d.h. unser eigenes, alltägliches
Leben aufzubauen) in den Händen von Spezialisten. Diese sind
also alle von größtem Interesse für uns - wenn auch
von verschiedenen Standpunkten aus. So gibt es hoffnungslose Fälle:
Wir wollen z.B. nicht versuchen, den Spezialisten der Macht, den
Herrschenden, das Ausmaß ihres Wahnsinns zu zeigen. Wir sind
dagegen bereit, den Groll der in einer engen, lächerlichen
oder entehrenden Rolle gefangenen Spezialisten zu berücksichtigen.
Man wird uns trotzdem gestatten müssen, daß unsere Geduld
nicht grenzenlos ist. Sollten sie sich, unseren Bemühungen
zum Trotz, darauf versteifen, ihr schlechtes Gewissen und ihre Verbitterung
in den Dienst der Macht zu stellen und die ihr eigenes alltägliches
Leben kolonisierende Konditionierung weiterhin zu betreiben; sollten
sie der echten Verwirklichung eine illusorische Repräsentation
in der Hierarchie vorziehen; sollten sie weiterhin mit ihrem Spezialgebiet
protzen (ihrer Malerei, ihren Romanen, ihren Gleichungen, ihrer
Soziometrie, ihrer Psychoanalyse, ihren Kenntnissen der Ballistik
usw.); sollten sie schließlich, obwohl sie genau wissen -
und in Kürze werden sie es nicht mehr ignorieren dürfen
-, daß allein die S.I. und die Macht die Gebrauchsanweisung
zu ihrem Spezialgebiet besitzen, trotzdem den Dienst für die
Macht wählen, weil die Macht sie aufgrund ihrer Trägheit
bisher als ihre Diener gewählt hat, -dann mögen sie verrecken!
Großzügiger kann man nicht sein. Mögen sie das verstehen,
und mögen sie vor allem verstehen, daß die Revolte der
nicht herrschenden Schauspieler von nun an mit der Revolte gegen
das Spektakel verbunden ist (siehe dazu die S.I. und die Macht).
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Das Lumpenproletariat wurde so allgemein mit dem Bann belegt, weil
die Bourgeoisie es nicht nur als Machtregulator, sondern auch für
die Rekrutierung fragwürdiger Ordnungskräfte benutzte:
Bullen, Spitzel, Söldner, Künstler ... Und doch ist die
Kritik der Gesellschaft der Arbeit latent in einem bemerkenswert
radikalen Grad im Lumpenproletariat vorhanden. Die Verachtung, die
es öffentlich gegenüber Lakaien und Bossen bekundet, enthält
eine gültige Kritik der Arbeit als Entfremdung, die bisher
nicht nur unbeachtet blieb, weil das Lumpenproletariat ein Sammelbecken
der Zweideutigkeiten war, sondern auch weil der Kampf gegen die
natürliche Entfremdung und die Produktion des Wohlstands im
XIX. und am Anfang des XX. Jahrhunderts immer noch berechtigte Vorwände
zu sein schienen.
Ist einmal erkannt, daß der Überfluß an Konsumgütem
nur die andere Seite der Entfremdung in der Produktion ist, gewinnt
das Lumpenproletariat eine neue Dimension: Es hält nicht zurück
mit seiner Verachtung für die organisierte Arbeit, die im Zeitalter
des Wohlfahrtsstaates nach und nach zu einer schwerwiegenden Forderung
wird, der nur noch die Herrschenden ihre Anerkennung verweigern.
Trotz der Rekuperationsversuche, mit denen die Macht es belastet,
nimmt zur Zeit jedes Experiment mit dem alltäglichen Leben,
d.h. also mit seiner Konstruktion (ein illegaler Schritt seit der
Zerstörung der Feudalherrschaft, in der er exklusiv für
einige wenige reserviert war), in der Kritik an der entfremdenden
Arbeit und in der Weigerung, sich der Zwangsarbeit zu fügen,
eine konkrete Form an. So daß das neue Proletariat dahin tendiert,
sich negativ als eine "Front gegen die Zwangsarbeit" zu
definieren, in der alle zusammenkommen, die der Rekuperation durch
die Macht Widerstand leisten. Das definiert unseren Wirkungskreis
- den Raum, in dem wir die List der Geschichte gegen die List der
Macht einsetzen wollen; den Ring, in dem wir auf den Arbeiter (den
Metallarbeiter oder den Künstler) setzen, der - bewußt
oder unbewußt - die organisierte Arbeit und das organisierte
Leben ablehnt, im Gegensatz zu dem, der es -bewußt oder unbewußt
- akzeptiert, unter dem Befehl der Macht zu arbeiten. In einer solchen
Perspektive ist es nicht willkürlich, eine Übergangsperiode
vorauszusehen, in der die Automation und der Wille des neuen Proletariats
die Arbeit den einzigen Spezialisten überlassen werden, indem
sie Manager und Bürokraten vorübergehend zu Sklaven degradieren.
In einer generalisierten Automation könnten die "Arbeiter",
anstatt die Maschinen zu überwachen, sich mit Sorgfalt um die
kybernetischen Spezialisten kümmern, deren einfache, beschränkte
Rolle es wäre, eine Produktion zu steigern, die aufgehört
hat, vorrangiger Sektor zu sein: sie würde damit - entsprechend
der Umkehrung der Kräfteverhältnisse und der Perspektive
- dem Vorrang des Lebens vor dem Überleben gehorchen.
22
Die einheitliche Macht war darum bemüht, die individuelle Existenz
in einem kollektiven Bewußtsein aufzulösen, so daß
jede soziale Einheit subjektiv als ein gewichtiges und genau bestimmtes,
in einer öligen Flüssigkeit schwimmendes Teilchen definiert
werden konnte. Jeder einzelne mußte sich als in diese Evidenz
getaucht empfinden, daß allein Gottes Hand, die das Gefäß
schüttelt, das Ganze zu ihren Zwecken verwendet, die natürlich
jenseits des Verständnisses jedes einzelnen menschlichen Wesens
sich jedesmal als der Ausdruck eines höchsten Willens aufdrängten
und selbst der geringsten Veränderung ihren Sinn verliehen.
(Jeder Wirbel konnte übrigens nur ein auf- und absteigender
Weg zur Harmonie sein: die vier Reiche, das Glücksrad, die
von den Göttern geschickten Prüfungen). Von einem kollektiven
Bewußtsein kann man insofern sprechen, als es gleichzeitig
für jedes Individuum und für alle galt - das Bewußtsein
des Mythos und das Bewußtsein der besonderen Existenz innerhalb
des Mythos. Die Illusion ist so mächtig, daß das authentisch
erlebte Leben dem seinen Sinn entlehnt, was es nicht ist; daher
die klerikale Verdammung des Lebens, das auf bloße Zufälligkeit,
lumpige Materialität, eitlen Schein und die niedrigste Stufe
einer Transzendenz reduziert wird, die um so stärker verblaßt,
je mehr sie der mythischen Organisation entgeht.
Gott bürgte für den Raum und die Zeit, deren Koordinaten
die einheitliche Gesellschaft definierten. Er war der allen Menschen
gemeinsame Bezugspunkt; in ihm trafen Raum und Zeit zusammen, so
wie die Wesen sich in ihm mit ihrem Schicksal vereinigten. Im Zeitalter
der Parzellierung bleibt der Mensch zwischen einem Raum und einer
Zeit hin- und hergerissen, die keine Transzendenz durch Vermittlung
einer zentralisierten Macht vereinigt. Wir leben in einer abgespalteten
Raum-Zeit ohne Bezugspunkt oder Koordinaten, so als ob wir nie den
Kontakt mit uns selbst herstellen würden, obwohl uns alles
dazu auffordert.
Es gibt einen Raum, in dem man sich selbst schafft, und eine Zeit,
in der man sich selbst ausspielt. Der Raum des alltäglichen
Lebens, in dem man sich wirklich verwirklicht, wird von Konditionierungen
jeder Art umzingelt. Der enge Raum unserer effektiven Verwirklichung
definiert uns, und doch definieren wir uns in der Zeit des Spektakels.
Mit anderen Worten: unser Bewußtsein ist weder ein Bewußtsein
des Mythos noch des besonderen Seins im Mythos, sondern ein Bewußtsein
des Spektakels und der besonderen Rolle im Spektakel (ich habe bereits
auf die Zusammenhänge jeder Ontotogie mit einer einheitlichen
Macht aufmerksam gemacht, man könnte aber hier daran erinnern,
daß die Krise der Ontologie mit der Tendenz zur Parzellierung
zutagetritt). Oder noch anders gesagt: in dem Raum-Zeit-Verhältnis,
in dem sich jedes Wesen und jedes Ding befinden, ist die Zeit zum
Imaginären geworden (dem Feld der Identifikationen); der Raum
definiert uns, obwohl wir uns im Imaginären definieren und
obwohl das Imaginäre uns als Subjektivität definiert.
Unsere Freiheit ist diejenige einer abstrakten Zeitlichkeit, in
der wir in der Sprache der Macht benannt werden (wobei die Namen
die uns zugewiesenen Rollen sind). Uns bleibt die Wahl, Synonyme
zu finden, die offiziell als solche anerkannt sind. Dagegen herrscht
über den Raum unserer authentischen Verwirklichung - den Raum
unseres alltäglichen Lebens - das Schweigen. Es gibt keinen
Namen, um den Raum des Erlebten zu benennen - außer in der
Poesie, in der Sprache, die sich von der Herrschaft der Macht befreit.
23
Indem die Bourgeoisie den Mythos entheiligt und parzelliert hat,
stellte sie die Unabhängigkeit des Bewußtseins an die
erste Stelle ihrer Forderungen (vgl. die Forderungen der Gedanken-,
Presse- und Forschungsfreiheit, die Ablehnung der Dogmen). Das Bewußtsein
hört also auf, mehr oder weniger Widerspiegelung des Mythos
zu sein. Es wird zum Bewußtsein der im Spektakel nacheinander
gespielten Rollen. Vor allem verlangte die Bourgeoisie die Freiheit
für die Schauspieler und Statisten eines Spektakels, das nicht
mehr von Gott und seinen Bullen und Priestern, sondern durch die
Gesetze der Natur und der Ökonomie organisiert wird - "launische
und unerbittliche Gesetze", in deren Dienst wir wieder einmal
Bullen und Spezialisten finden.
Gott ist wie ein unnützer Verband abgerissen worden und die
Wunde blieb offen. Zwar hinderte der Verband die Wunde daran zu
vernarben, aber es rechtfertigte das Leiden, indem es ihm einen
Sinn verlieh, der einige Morphiumspritzen wert war. Jetzt kann das
Leiden nicht mehr gerechtfertigt werden, und Morphium ist teuer.
Die Trennung ist konkret geworden. Der erste Beste kann seinen Finger
hineinstecken und das einzige Rezept der kybernetischen Gesellschaft
schlägt vor, Zuschauer des Krebsgeschwürs und des Verfaulens,
Zuschauer des Überlebens zu werden.
Das Drama des Bewußtseins, von dem Hegel spricht, ist vielmehr
das Bewußtsein des Dramas. Die Romantik klingt wie der Schrei
der aus dem Körper herausgerissenen Seele -ein um so heftigeres
Leiden, als jeder sich isoliert wiederfindet, um dem Fall der geheiligten
Totalität und aller Häuser Usher die Stirn zu bieten.
24
Die Totalität ist die objektive Wirklichkeit, in deren Bewegung
die Subjektivität sich nur in der Form der Verwirklichung einfügen
kann. Alles, was mit der Verwirklichung des alltäglichen Lebens
nichts zu tun hat, vereinigt sich mit dem Spektakel, in dem das
Überleben eingefroren (Winterschlaf) und scheibenweise kleingehackt
wird. Eine authentische Verwirklichung kann es nur in der objektiven
Wirklichkeit, in der Totalität geben. Alles Übrige ist
Karikatur. Eine objektive Verwirklichung, die sich im Mechanismus
des Spektakels entfaltet, ist nur der Erfolg von durch die Macht
manipulierten Objekten (es ist die "objektive Verwirklichung
in der Subjektivität" von bekannten Künstlern, Stars,
"Who's who"-Persönlichkeiten). Auf der Ebene der
Organisation des Scheins wird jeder Erfolg - und ebenfalls jeder
Mißerfolg - so weit aufgebläht, daß er stereotyp
wird, und durch die Medien so verbreitet, als ob es sich um den
einzig möglichen Erfolg bzw. Mißerfolg handelte. Bisher
ist die Macht als einziger Richter aufgetreten, obwohl ihr Urteil
unter Druck gefällt wird. Ihre Kriterien sind die einzig gültigen
für diejenigen, die das Spektakel akzeptieren und sich damit
zufrieden geben, in ihm eine Rolle zu spielen. Auf dieser Bühne
gibt es keine Künstler mehr, sondern nur noch Statisten.
25
Die Raum-Zeit des privaten Lebens wurde innerhalb der Raum-Zeit
des Mythos harmonisch. Auf diese pervertierte Harmonie antwortete
Fourier mit seiner universellen Harmonie. Sobald der Mythos aufhört,
das Individuelle und das Partielle in einer durch das Heilige beherrschten
Totalität zusammenzufassen, erhebt sich jedes Fragment zur
Totalität. Tatsächlich ist das zur Totalität erhobene
Fragment das Totalitäre. In der abgetrennten Raum-Zeit, die
das Privatleben ausmacht, festigt die in der Art der abstrakten
Freiheit (eben der des Spektakels) verabsolutierte Zeit durch ihre
Abtrennung selbst das räumliche Absolute des Privatlebens,
dessen Isoliertheit und Enge. Der Mechanismus des entfremdenden
Spektakels entwickelt eine solche Kraft, daß schließlich
sogar das Privatleben als das definiert wird, was des Spektakels
beraubt ist; daß man dort den spektakulären Kategorien
und den Rollen entgeht, wird also als eine zusätzliche Beraubung
empfunden und als ein Unbehagen, das die Macht zum Vorwand nimmt,
um das Alltägliche auf belanglose Gesten zu reduzieren - sich
setzen, sich waschen, eine Tür öffnen.
26
Das Spektakel, das dem Erlebten seine Normen aufzwingt, entspringt
dem Erlebten. Die Zeit des Spektakels, die in den aufeinanderfolgenden
Rollen erlebt wird, macht den Raum des authentisch Erlebten zum
Ort der objektiven Ohnmacht, während die objektive Ohnmacht,
die durch die Konditionierung der enteignenden Aneignung bedingt
ist, gleichzeitig das Spektakel zum Absoluten der virtuellen Freiheit
macht.
Die aus dem Erlebten hervorgegangenen Elemente werden nur auf der
Ebene des Spektakels erkannt, und kommen dort als Stereotype zum
Ausdruck, während eine solche Ausdrucksform im authentisch
Erlebten und durch das authentisch Erlebte selbst ständig in
Frage gestellt und widerlegt wird. Das Phantombild der Überlebenden
- die Nietzsche die "kleinen" oder die "letzten"
Menschen nannte - kann nur innerhalb der Dialektik vom Möglichen
und Unmöglichen folgendermaßen verstanden werden:
a) das auf der Ebene des Spektakels Mögliche (die Vielfalt
der abstrakten Rollen) verstärkt das Unmögliche auf der
Ebene des authentisch Erlebten;
b) das Unmögliche - d.h. die dem authentisch Erlebten durch
die enteignende Aneignung aufgezwungenen Beschränkungen -bestimmt
das Feld des abstrakt Möglichen.
Das Überleben hat zwei Dimensionen. Welches sind gegenüber
einer solchen Reduzierung die Kräfte, die den Akzent auf das
legen können, was das alltägliche Problem aller Menschen
ist: die Dialektik von Überleben und Leben? Entweder werden
genau die Kräfte, auf die die S.I. gerechnet hat, die Aufhebung
dieser Gegensätze ermöglichen und Raum und Zeit in der
Konstruktion des alltäglichen Lebens vereinigen, oder Leben
und Überleben werden sich in einem entschärften Antagonismus
bis zur letzten Konfusion und Armut verhärten.
27
Die erlebte Wirklichkeit wird parzelliert und auf spektakuläre
Weise in Kategorien - biologische, soziologische oder sonstige -
eingeordnet, die zwar zum Bereich des Mitteilbaren gehören,
aber immer wieder nur ihres authentisch erlebten Inhalts entleerte
Fakten mitteilen. Darin erweist sich die hierarchisierte Macht,
die jeden in dem objektiven Mechanismus der enteignenden Aneignung
- Aufnahme und Ausschluß, vgl. These 3 - gefangenhält,
auch als eine Diktatur über die Subjektivität. Als diktatorische
Herrscherin über die Subjektivität zwingt sie mit begrenzten
Erfolgschancen jede individuelle Subjektivität dazu, sich zu
objektivieren - d.h. zu einem Objekt zu werden, das sie manipulieren
kann. Darin liegt eine äußerst interessante Dialektik,
die eigentlich noch näher analysiert werden müßte
(siehe die objektive Verwirklichung in der Subjektivität -
diejenige der Macht - und die objektive Verwirklichung in der Objektivität
- die an der Praxis einer Konstruktion des alltäglichen Lebens
und einer der Zerstörung der Macht teilhat).
Nun werden die Tatsachen ihres Inhalts beraubt im Namen der Mitteilung,
im Namen einer abstrakten Universalität und einer pervertierten
Harmonie, in der jeder sich umgekehrt verwirklicht. In einer solchen
Perspektive befindet sich die S.I. auf der Linie des Protests, die
de Sade, Fourier, Lewis Caroll, Lautreamont, den Surrealismus und
den Lettrismus (zumindest in seinen am wenigsten bekannten Strömungen,
die auch die extremsten wurden) verbindet.
In einem zur Totalität erhobenen Fragment ist jedes Teilchen
selbst totalitär. Der Individualismus hat die Sensibilität,
die Begierde, den Willen, die Intelligenz, den Geschmack, das Unbewußte
und alle Kategorien des Ichs als absolute behandelt. Heute bereichert
die Soziologie die psychologischen Kategorien, aber die damit in
die Rollen eingeführte Vielfältigkeit verstärkt nur
noch mehr die Monotonie des Identifizierungsreflexes. Die Freiheit
des "Überlebenden" wird darin bestehen, den abstrakten
Bestandteil zu übernehmen, auf den sich zu reduzieren er "gewählt"
hat. Ist einmal jede wirkliche Verwirklichung beseitigt, so bleibt
nur eine psychosoziologische Dramaturgie übrig, bei der die
Innerlichkeit als Überlauf für die Ausleerung der Hüllen
gebraucht wird, in die man sich für die alltägliche Zurschaustellung
kleidet. Das Überleben wird das höchste Stadium des Lebens,
das sich als eine mechanisch reproduzierte Erinnerung organisiert.
28
Bisher wurde der Zugang zur Totalität verfälscht. Die
Macht schaltet sich parasitär als eine unerläßliche
Vermittlung zwischen die Menschen und die Natur. Nun wird aber die
Beziehung zwischen Mensch und Natur allein durch eine Praxis begründet,
die unaufhörlich die Schicht von Lügen bricht, deren Kohärenz
der Mythos und seine Nachfolger zu behaupten versuchen. Die Praxis
hält, auch wenn sie entfremdet ist, den Kontakt mit der Totalität
aufrecht. Indem sie ihren fragmentarischen Charakter offenbart,
bringt die Praxis gleichzeitig die wirkliche Totalität (die
Wirklichkeit) an den Tag: sie ist die Totalität, die sich durch
ihren Gegensatz - das Fragment - verwirklicht.
In der Perspektive der Praxis ist jedes Fragment Totalität.
In der Perspektive der Macht, die die Praxis entfremdet, ist jedes
Fragment totalitär. Das sollte genügen, um die zukünftigen
Bemühungen der kybernetischen Macht, die Praxis in einer Mystik
zusammenzufassen, zu sprengen, obwohl diese Bemühungen nicht
unterschätzt werden dürfen.
Alles, was Praxis ist, gehört zu unserem Projekt und zwar mit
seinem Anteil an Entfremdung und mit dem Schmutz der Macht - wir
sind aber imstande zu filtern. Wir werden die Kraft und Reinheit
sowohl der Verweigerungsgesten als auch der Unterwerfungsmanöver
ans helle Licht bringen, nicht aufgrund einer manichäischen
Auffassung, sondern durch die Weiterentwicklung unserer eigenen
Strategie in diesem Kampf, in dem die Gegner überall und jederzeit
den Kontakt suchen und ohne Methode aneinandergeraten, umgeben von
einer Dunkelheit und Unsicherheit, gegen die es kein Heilmittel
gibt.
29
Das alltägliche Leben ist immer wieder zugunsten des scheinbaren
Lebens entleert worden, aber der Schein war in seinem mythischen
Zusammenhang so kräftig, daß nie vom alltäglichen
Leben gesprochen werden mußte. Die Armut und Leere des Spektakels,
die durch alle Varianten des Kapitalismus und der Bourgeoisie hindurchscheinen,
haben gleichzeitig die Existenz eines alltäglichen Lebens (eines
Lebens als Zuflucht - aber wovor und wogegen?) und die Armut des
alltäglichen Lebens ans Licht gebracht. In dem Maße,
wie sich Verdinglichung und Bürokratisierung verstärken,
wird die Schwachsinnigkeit des Spektakels und des alltäglichen
Lebens zur einzigen Evidenz. Auch der Konflikt des Menschlichen
und des Unmenschlichen ist auf die Ebene des Scheins übergegangen.
Sobald der Marxismus zur Ideologie wird, verwandelt sich der von
Marx im Namen eines reichen Lebens gegen die Ideologie geführte
Kampf zu einer ideologischen Anti-Ideologie, zu einem Spektakel
des Anti-Spektakels (so wie das Unglück des anti-spektakulären
Spektakels der Avantgardekultur darin besteht, nur unter den Schauspielern
zu bleiben, da die anti-künstlerische Kunst nur von Künstlern
gemacht und von Künstlern verstanden wird; man sollte das Verhältnis
dieser ideologischen Anti-Ideologie zur Funktion des Berufsrevolutionärs
im Leninismus überprüfen). Dadurch wurde der Manichäismus
für einige Zeit wiederbelebt. Warum bekämpfte Sankt Augustin
die Manichäer mit so großer Heftigkeit? Gerade weil er
die Gefahr eines Mythos einschätzen konnte, der eine einzige
Lösung anbietet - den Sieg des Guten über das Böse;
dabei weiß er, daß eine solche Unmöglichkeit zum
Zusammenbruch der gesamten mythischen Strukturen führen und
den Widerspruch zwischen mythischem und authentischem Leben wieder
in den Vordergrund stellen kann. Den dritten Weg bietet das Christentum
an - den der heiligen Konfusion. Was das Christentum durch den Zwang
des Mythos vollbracht hat, besorgt heute der Sachzwang. Zwischen
den sowjetisierten und den kapitalisierten Arbeitern ist kein Antagonismus
mehr möglich, ebenso zwischen der Bombe der stalinistischen
und der nicht-stalinistischen Bürokraten - es gibt nur die
einheitliche Konfusion der verdinglichten Menschen.
Wo sind die Verantwortlichen, diejenigen, die niederzuschießen
sind? Ein System, eine abstrakte Form beherrscht uns. Der Grad der
Menschlichkeit und Unmenschlichkeit wird nach rein quantitativen
Variationen der Passivität gemessen. Die Qualität ist
überall dieselbe: Wir sind alle proletarisiert oder sind dabei,
es zu werden. Was tun die traditionellen "Revolutionäre"?
Sie verkleinern die Stufen, so daß alle Proletarier genau
gleich proletarisiert sind. Welche Partei hat das Ende des Proletariats
in ihrem Programm?
Die Perspektive eines Überlebens ist unerträglich geworden.
Was wir ertragen, ist das Gewicht der Dinge in der Leere. Die Verdinglichung
ist nichts anderes - alle Wesen und Dinge fallen mit gleicher Geschwindigkeit,
alle Wesen und Dinge tragen ihren gleichen Wen wie einen Makel.
Die Herrschaft der Gleichwenigkeit hat zwar das christliche Projekt
verwirklicht, aber außerhalb des Christentums (wie Pascal
es vermutete) und vor allem auf Gottes Leichnam (im Gegensatz zu
Pascals Voraussicht).
Spektakel und alltägliches Leben koexistieren unter der Herrschaft
der Gleichwenigkeit. Wesen und Dinge sind austauschbar. Die Welt
der Verdinglichung ist eine Welt ohne Zentrum, wie die neuen Städte,
die deren Szenerie bilden. Die Gegenwart tritt vor dem Versprechen
einer ewigen Zukunft zurück, die nur die mechanische Fortsetzung
der Vergangenheit ist. Die Zeitlichkeit selbst hat kein Zentrum
mehr. In diesem KZ-Universum, in der Opfer und Folterknechte dieselbe
Maske tragen, ist allein die Wirklichkeit der Folter authentisch.
Diese Folter kann keine neue Ideologie lindem - weder die der Totalität
(der Logos) noch die des Nihilismus, die die kybernetische Gesellschaft
als Krücken brauchen wird. Sie ist der Fluch jeder hierarchisierten
Macht, wie gut verdeckt und organisiert sie auch sein mag. Der Antagonismus,
den die S.L jetzt erneuern will, ist der älteste, den es gibt
- es ist der radikale Antagonismus, und aus diesem Grund nimmt er
all das wieder auf, was die Aufstandsbewegungen oder die großen
Individualitäten im Laufe der Geschichte aufgegeben haben.
30
Noch viele andere Banalitäten wären zu überprüfen
und umzukehren. Die besten Sachen sind nie zuende. Bevor man das
Vorhergehende noch einmal durchliest, das auch ein mittelmäßiger
Kopf beim dritten Versuch verstehen kann, sollte man den folgenden
Text mit um so größerer Aufmerksamkeit lesen, da dieser,
wie die anderen fragmentarischen Notizen auch, Diskussionen und
Berichtigungen verlangt. Es geht dabei um eine zentrale Frage -
die der S.I. und der revolutionären Macht.
Wenn die S.I. gleichzeitig die Krise der Massenparteien und der
"Eliten" überdenkt, muß sie sich als Aufhebung
des bolschewistischen ZK's (Aufhebung der Massenpartei) und des
Projekts von Nietzsche (Aufhebung der Intelligenzija) definieren.
a) Jedesmal, wenn eine Macht sich als Führung eines revolutionären
Willens ausgab, hat sie die Macht der Revolution von vornherein
unterminiert. Das bolschewistische ZK wurde gleichzeitig als Konzentration
und als Repräsentation definiert: Konzentration einer Macht
als Antagonismus zur bürgerlichen Macht und Repräsentation
des Willens der Massen. Aufgrund dieses Doppelcharakters konnte
das ZK bald nichts anderes als eine ausgehöhlte Macht sein
- eine Macht der leeren Repräsentation - und mußte später
in einer gemeinsamen Form (der Bürokratie) mit der bürgerlichen
Macht zusammenkommen, die durch seinen Druck eine ähnliche
Entwicklung durchmachen mußte. Die Bedingungen einer konzentrierten
Macht und einer Repräsentation der Massen sind in der S.I.
potentiell vorhanden, wenn sie darauf aufmerksam macht, daß
sie das Qualitative in Händen hält und daß ihre
Ideen in den Köpfen aller sind. Allerdings lehnen wir gleichzeitig
Machtkonzentration und Repräsentationsrecht ab; uns ist bewußt,
daß wir von diesem Augenblick an die einzige öffentliche
Hallung einnehmen (denn wir können nicht vermeiden, uns bis
zu einem gewissen Grad spektakulär bekanntzumachen), die denjenigen,
die sich in unseren theoretischen und praktischen Positionen wiedererkennen,
die revolutionäre Macht geben kann - eine Macht ohne Vermittlung,
eine Macht, die die direkte Aktion aller enthält. Das Leitbild
dafür wäre die Kolonne Durruti, die von Stadt zu Dorf
marschiert, die bürgerlichen Elemente liquidiert und es den
Arbeitern überträgt, sich selbst zu organisieren.
b) Die Intelligenz ist der Spiegelsaal der Macht. Im Protest gegen
die Macht bietet sie niemals etwas anderes an als kathartische Identifizierungen
mit der Passivität derer, die mit jeder Geste einen wirklichen
Protest entwerfen. Der Radikalismus - selbstverständlich der
der Geste und nicht der der Theorie -, der in der "Erklärung
der 121" zum Vorschein kam, hat doch auf einige andere Möglichkeiten
hingewiesen. Wir sind fähig, diese Krise zu beschleunigen,
wir können es aber nur, wenn wir als eine Macht in die Intelligenz
(und gegen sie) eindringen. Diese Phase (die der in Punkt a beschriebenen
vorangehen und dann von ihr aufgenommen werden muß) wird uns
in die Perspektive von Nietzsches Projekt stellen. Wir werden tatsächlich
eine kleine experimentelle, quasi alchimistische Gruppe bilden,
in der die Verwirklichung des totalen Menschen in Angriff genommen
wird. Ein solches Unternehmen versteht Nietzsche nur im Rahmen des
hierarchischen Prinzips. Nun werden wir uns aber praktisch in genau
diesem Rahmen befinden. Es wird uns also sehr viel daran liegen,
daß wir ohne die geringste Zweideutigkeit auftreten (auf der
Ebene der Gruppe scheinen die Reinigungen des Kerns und die Beseitigung
des Abfalls jetzt abgeschlossen zu sein). Wir akzeptieren den hierarchischen
Rahmen, in dem wir uns befinden, nur wegen unserer Ungeduld, diejenigen
zu vernichten, die wir dominieren und die wir auf der Basis unserer
Anerkennungskriterien nur dominieren können.
c) Auf taktischer Ebene soll unsere Kommunikation wie die Ausstrahlung
aus einem mehr oder weniger geheimen Zentrum sein. Wir wollen unmarkierte
Verbindungslinien herstellen - direkte und zeitweise Beziehungen,
zwangslose Kontakte, Entwicklung von unbestimmten Beziehungen der
Sympathie und des Verständnisses, wie sie die roten Agitatoren
vor dem Einmarsch der revolutionären Armeen pflegten. Indem
wir sie analysieren, nehmen wir die radikalen Gesten für uns
in Anspruch - Aktionen, Schriften, politische Haltungen, Werke -
und wir gehen davon aus, daß unsere Gesten oder Analysen von
der großen Mehrheit in Anspruch genommen werden,
So wie Gott der Bezugspunkt der vergangenen einheitlichen Gesellschaft
war, so bereiten wir uns darauf vor, einer jetzt möglichen
einheitlichen Gesellschaft ihren Hauptbezugspunkt zu liefern. Dieser
Punkt kann allerdings unmöglich fest sein. Gegen die immer
wieder auftretende Konfusion, die die kybernetische Gesellschaft
aus der Vergangenheit der Unmenschlichkeit hervorholt, repräsentiert
er das Spiel aller Menschen, die "bewegliche Ordnung der Zukunft".
Raoul Vaneigem (SI Nr 8 ,1963) <top>
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